Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationalismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 680 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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68o Hans Hohn: ist die Ernte, der ganzen Zeit. Wenn der Zeiten Kreis sich füllt und des Deutschen Tag wird erscheinen, wenn die Scha .... sich vereinen in der Menschheit schönes Bild." Noch Fichte weiß: „Der Staat geht ebenso wie alle menschlichen Institute, die bloße Mittel sind, auf seine eigene Vernichtung aus; es ist der Zweck aller Regierung, die Regierung überflüssig zu machen. . . ♦ Ehe dieser Zeitpunkt eintritt, sind wir im allgemeinen noch nicht wahre Menschen."*) Der Staat „geht darauf aus, sich aufzuheben, denn sein letztes Ziel ist die Sittlichkeit."**) Und Sittlichkeit ist Aufhebung des Staates. Aber schon wenige Jahre später ist der letzte entscheidende Schritt im Geistigen vollzogen. Der Nationalstaat wird absolut, wird zum Idol. Die „mit ursprünglicher Herrschergewalt ausgestattete Gebietskörperschaft" (Jellinek) wird zur „selbstbewußten sittlichen Substanz" zum „vernünftigen, organisierten göttlichen Willen" (Hegel), „zum Gesamtwillen eines Volkes" (Treitschke). Zugleich vollzieht sich derselbe Schritt im politischen Leben. Das Ziel der politischen Bestrebungen wird der Nationalstaat. Deutsche und Skandinavier, Italiener und Balkanvölker, Slaven und Magyaren erstreben die Unabhängigkeit. Der Nationalstaat wird Subjekt und Objekt aller Kriege; er beherrscht das Jahrhundert. Die Herrschaft des Nationalismus, politisch bis zur Ankunft des Bolschewismus unbestritten, war es geistig nie. Die immer wachsende Unmöglichkeit wirtschaftlicher und verkehrstechnischer Isolierung, die Verkleinerung und Aufhebung aller Entfernungen durch die vervollkommnete Ausnutzung der Naturkräfte, die Gemeinsamkeit der meisten Elemente des Kulturbesitzes, die stets zunehmende Komplizierung und Verbundenheit alles Lebens begannen langsam und unmerklich ihre Staatsgrenzen unterwühlende Arbeit. Das Gefühl gemeinsamen Besitzes behauptete sich in einzelnen hervorragenden Charakteren, auch in kritischen Zeiten der Prüfung. Die Worte Gaston Paris', Professors am College de France, verdienen gemerkt zu werden, die er in einer Vorlesung über das Rolandlied am 8. Dezember 1870 gesprochen hat, während die Deutschen Paris belagerten: „Ich bekenne mich völlig und ohne jede Einschränkung zu der Lehre, daß die Wissenschaft kein anderes Objekt hat als die Wahrheit und die Wahrheit um ihrer selbst willen, ohne irgend eine Rücksicht auf die guten oder schlechten, bedauernswerten oder glücklichen Folgen, die diese Wahrheit in der Praxis haben könnte. Derjenige, der sich, durch ein patriotisches, religiöses oder selbst moralisches Motiv die geringste Verheimlichung in den Tatsachen, die er untersucht, die geringste Veränderung in dem Schluß, den er zieht, gestattet, ist nicht würdig, seinen Platz in der großen Werkstätte zu haben, wo die Ehrlichkeit ein unerläßlicherer Zulassungstitel ist als die Geschicklichkeit. So verstanden, bilden die gemeinsamen, in dem gleichen Geiste in allen zivilisierten Ländern be~ *) Bestimmung des Gelehrten, Reclam, S. 21 f. **) Nachgelassene Werke II, S, 512.