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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 679

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Nationalismus
Date
1921-01-01
Page
679 (sequence 6)
Language
German
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Nationallsmus 679 war, Deutsche zu werden, wie einst Jünger Christi. Bald war man Deutscher, so wie man einst Christ gewesen war. Fichte selbst teilt dem Nationalismus die Aufgabe zu, die früher die Religion hatte, tragender Glaube, Mythos, das Weltbild vereinheitlichendes Prinzip zu sein, „ewig Dauerndes zu verflößen in das irdische Tageswerk, das Unvergängliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu erziehen, nicht bloß auf eine unbegreifliche Weise und allein durch die sterblichen Augen undurchdringbare Kluft mit dem Ewigen zusammenhängend, sondern auf eine dem sterblichen Auge selbst sichtbare Weise".*) Hier, in der Entdeckung des Innigsten und Ewigen in* der nationalen Verbundenheit erhob sich auch gleichzeitig die Gefahr der Verbindung mit dem Aeußerlichen des Machtinteresses und dem Zeitlichen des Augenblicksnutzens. Aus der Nation wurde der Staat, eine Gleichstellung, die heute noch die westeuropäischen Sprachen beherrscht. ^Die Nation ist etwas Natürliches, das Nationgefühl verbindet, der Staat ist ein künstliches Zweckgebilde und seinem Wesen nach etwas Trennendes, trennend nicht nur nach außen, sondern ebenso nach innen hin. Der Staat entsteht und besteht durch die Scheidung einer herrschenden und beherrschten Klasse. „Das, was den Staat zum Staat macht, sind die Rechtsnormen, durchweiche die Herrscher-' gewalt und das Volk im Verhältnis der Ueber- und Unterordnung verbunden sind. In jedem Staate stehen sich Herrscher und Beherrschte gegenüber. Ohne Herrschaft kein Staat.« **) Wie einst für die Religion die Verbindung mit dem Staate den Absturz bedeutete, so war dies bei der Nation der Fall. Wilhelm von Humboldt, der in seinem Gefühl für volkhafte Sprache und Art die Bedeutung der Nation förderte, erkannte die Gefahr. Schiller hat in einem nur in vor nicht langer Zeit aufgefundenen Entwürfen bekannten Gedichte „Deutsche Größe" manche Worte gesagt, die hierher gehören. „Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. . . . Abgesondert von dem Politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, der von ihrem politischen Schicksal unabhängig ist." Messianische Gedanken kommen. Der Deutsche „ist erwählt von dem Weltengeiste, während des Zeitenkampfes an dem ewigen Bau der Menschen-Bildung zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt. Daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet und es in sich bewahrt. Alles, was schätzbar bei andern Zeiten und Völkern aufkam, mit der Zeit entstand und schwand, hat er aufbewahrt; es ist ihm unverloren, die Schätze von Jahrhunderten. . . Nicht im Augenblicke zu glänzen und seine Rolle zu spielen, sondern den großen Prozeß seiner Zeit zu gewinnen. Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag des Deutschen *) Reden an die deutsche Nation,-Reclam. S. 104, **Y Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Jena 1911, VII, S. 694 ff.

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