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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 678

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Nationalismus
Date
1921-01-01
Page
678 (sequence 5)
Language
German
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678 Hans Kohn: gewissens gegen die Massensuggestion, das mit der Renaissance begonnen hatte. Diese Erhebung der Persönlichkeit, diese Entdeckung des Menschen, des. Individuums ist nur Zeiten des Uebergangs gegeben, da der die Einzel- Individualität in seinen Bann zwingende Glaube oder Mythos schon altersschwach oder noch unbestimmt ist. Als aus der Aufklärung immer beherrschender das Reich des neuen Weltprinzipes, der Herrschaft des Nationalismus auftauchte, geschah es noch im Zwielicht jener Gewissensschärfung, jener kritischen Prüfung, die das Wesen der Aufklärung war, und mit jener geistigen Weite und Freiheit, die sie ausgezeichnet hat. Hier ist der neue Glaube noch durchflutet von der Innigkeit seiner Geburtsstunde, noch durchglüht von dem Glück des neuen Sterns, getragen von den Notwendigkeiten des veränderten gesellschaftlichen,- geistigen und wirtschaftlichen Lebens, das ihn erzeugt hat. Mitten in den Beginn des nationalen Prinzips als trennenden Individuationsprinzips menschlicher Gemeinschaften, die sich in ihrem Interessenkampfe gegeneinander kehren, steht die ungeheuerliche, nie wieder so gefühlte Gemeinsamkeit des Mensch-Seins, des nichts als Mensch-Seins leuchtend auf; die quidditas qua homo est quod est, das allem Menschlichen Gemeinsame und die Herausarbeitung des allgemein Menschlichen in jedem Einzelnen steht als Norm da. Allgemein Menschliches, das man Weltbürgertum nannte, und das Bestreben nach Absonderung in * Nationalstaaten ging in den gleichen Menschen Hand in Hand. Die .Lehrer der Humanität zeigen zugleich das feinste Verständnis für die Eigentümlichkeit nationalen Geistes, der Sohn der französischen Revolution, Fichte, wird der größte Theoretiker des Nationalstaates. Nur daß hier Nation und Weltbürgertum noch in fruchtbarem Austausch stehen, die Nation ist nicht so sehr politisches Macht-, als in die Zukunft weisendes Erziehungsgebilde. Am erschütterndsten bei Hölderlin. Novalis träumt noch völlig in einer wollüstig magischen Versunkenheit in die Zeit des bereits lange vergangenen Mythos der Religion und bereitet doch die nationalistische Romantik zu gleicher Zeit vor, aber die Gebrüder Schlegel in ihrer Frühzeit sondern sich noch deutlich von den patriotischen Barden. In seinen Berliner Vorlesungen spöttet Wilhelm über den „fanatischen, von aller historischen Kenntnis des Charakters der Deutschen, ihrer jetzigen Lage und ihrer ehemaligen Taten entblößten Patriotismus" der Jünger Klopstocks, aber daneben heißt es: „Der deutsche Künstler hat keinen Charakter oder den eines Albrecht Dürer, Keppler, Hans Sachs, eines Luther und Jakob Böhme"*), nicht jedoch als Glorienverklärung, sondern als wegweisende Zukunft. „An dem Urbilde der Deutschheit, welches einige große vaterländische Erfinder aufgestellt haben, läßt sich nichts tadeln, als die falsche Stellung. Diese Deutschheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns"**). Bei Fichte ist Nationalismus noch Aufgabe, wie es einst die Religion *) 120. Athenäumsidee. **) Friedrich Schlegels 38. Lyzeumsfragment.

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