Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationalismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 677 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalismus 9 677 politische Verwirklichung: die Nation, die souveräne Nation in der politischen Fülle ihrer Rechte, schuf sich ihren Staat. Begriffe sind von der Wissenschaft geschmiedete, unvollkommene Hilfsinstrumente. Insbesondere in den soziologischen Wissenschaften sind ihre Grenzen verschwimmend und. vieldeutig. Volk, Nation, Rasse kann Verschiedenstes und manchmal das Gleiche bedeuten, jede dieser Bezeichnungen zeitweise völlig subjektiv bestimmten Umfang und Inhalt deckend. Nation als innerlich erlebter, äußerlich in vielfacher Sitte und Art sich äußernder Zusammenhang einer durch gemeinsame Abstammung und gemeinsame oder ähnliche geschichtliche Geschicke verbundenen Menschengruppe ist eine tief in allem Naturhaften und ebenso tief im geistigen Leben der Menschheit verwurzelte Wirklichkeit. Hier gilt Gustav Landauers Wort: Des Menschen Geblüt und seine Blutgemeinde sind sein Innigstes und sein Verborgenstes. Völlig verschieden davon aber ist der Begriff der Nation als Staat, der politisch und herrschend an das äußere Prinzip des Territoriums gebundenen Nation, die den Satz einer älteren Zeit „cuius regio illius religio" in „cuius regio illius natio" verwandelt. Denn, wie die Religion politische, an Territorien gebundene und in Macht- und autoritären Gewaltverhältnissen sich aufbauende Formen annehmen kann, diese aber unterscheidbar sind von dem lebendigen, unser Inneres durchglühenden Strom der Religion, so ist es auch mit der Nation. Nur daß hier ausdrücklich hervorgehoben werden mag, daß diese äußerlichen Staatsgebilde der Nation und Religion zu Zeiten beseelt und verinnerlicht sein können, durchglüht und innig durchbebt von dem lebendigen Quelle der in ewigen Tiefen der Menschenseele verankerten Nation und Religion. Der Staats-Nationalismus als ordnendes Prinzip, als erfüllender und normierender Glaube war früheren Zeiten unbekannt. Der orientalische, oft von fremden Eroberern geschaffene Dynastenstaat, die griechische Polis, der feudale Staat kennen ihn nicht. Die Uebergangszeit der Aufklärung , bereitet ihn vor. Die Zeit der französischen Revolution schafft ihn. Erst von hier an gibt es an Stelle von Kultur-Nationen auch Staats-Nationen, wenn wir Friedrich Meinekes terminologische Unterscheidung*), die er aber nirgends vertieft, übernehmen. ,■ Die große Zeit der Aufklärung, zu der wir in unserer Lage werden wieder zurückkehren müssen**), bedeutete das volle Erwachen des Einzel- *) „Weltbürgertum und Nationalstaat", München und Berlin 1917 (4. Auflage) Seite 3 ff. **) „Ob wir nicht manches von dem zurückholen müssen, was wir von den Idealen der Aufklärung aufgegeben haben?" Wilh. Dilthey, „Das Erlebnis und die Dichtung", Leipzig 1912, S. 174 — „In vielen Dingen sind wir heutzutage in der Lage, für die Errungenschaften der Aufklärung an Klarheit und Freiheit des geistigen Lebens noch einmal in den Kampf, vielleicht in einen schwereren Kampf treten zu müssen, als die Aufklärung ihn siegreich bestanden hat". Wilh. Windelband, „Die Philosophie im deutschen Geistesleben des XIX. Jahrhunderts". Tübingen, 1909, Seite 94.