Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationalismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 676 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Hans Kohn: noch einmal der innerlich schon leise entfremdeten Welt aufdrücken wolle. Denn der dreißigjährige Krieg, aus religiösen Motiven geführt, bedeutet einen Höhepunkt der Religion als politisch formenden Prinzips des Zusammenlebens der Menschen. Der Satz cuius regio illius religio zielt auf eine nicht mehr übersteigbare Machtgewinnung der religiösen Politik. Der dreißigjährige Krieg bedeutet einen Höhepunkt, und zugleich das Ende einer Epoche. Das ordnende Weltprinzip verliert seine allgemeine Geltung. Der Deismus von England her, in Frankreich in die Skepsis der Enzyklopädisten gekleidet, leitet die Aufklärung ein. Zugleich wird das feudale Ständesystem mit seinen weiten dezentralisierten Freiheiten der Provinzen, Städte und der Berufe, die die politische, aber auch die kulturelle Vereinheitlichung der künftigen Nation verhindern, aufgelöst, und an seine Stelle tritt der zentralisierte, frühkapitalistische, Unterschiede und Freiheiten verwischende, in die Einheit aufhebende Staat, die Nation. Zuerst im Westen, wo diese ganze Entwicklung beginnt, bald auch in Preußen und unter Peter dem Großen und Katharina der Zweiten bis nach Rußland sich versuchend. An Stelle des Lateinischen treten die neuentstandenen oder zur Blüte gebrachten nationalen Schriftsprachen als Einigungsmittel, nicht mehr der Katholischen Christenheit, sondern der Gebildeten dieser oder "jener Nation, immer mehr die unterschiedlichen, besonderen Volksmundarten in stets tiefere Schichten hinunterdrängend. Im allgemeinen ist es eine Uebergangsperiode. In die neue Zeit des beginnenden Kapitalismus und der Nationalstaaten ragen Stellung und Welt der Aristokratie noch als Trümmer der . vergangenen Zeit. Noch in Wilhelm Meisters Lehrjahren mit anscheinender Lebendigkeit. Im Westenv aber völlig durchsetzt von einer hoheitsvoll spielerischen Skepsis, die die Wurzeln der eigenen Existenz untergraben weiß. Aber in die Zersetzung des Untergangs leuchtet noch der Abschein der natürlichen und klaren Rangordnung der Werte, der sichern Verhältnisse, des ruhigen Rhythmus des Lebens von einst, wo alles seinen Sinn hatte, alle Vorstellungen feststanden, da ein gemeinsames ordnendes Prinzip in Auswahl, An- und Ueberordnung eine Welt schuf und * beherrschte. Und dieser schon völlig aufgelöste, an den veränderten sachlichen Bedingungen zerbrochene Glaube bewahrte noch in dieser letzten, fast an Strindbergsche Traum- und Gespensteratmosphäre erinnernden dünnen Luft so viel überlegener Schönheit, um das Sterben seiner letzten Gläubigen leicht und heiter zu machen, wie eine zarte, helle dünne Faserwolke, die sich über einen unendlichen, tief-roten und violetten Dämmerungshimmel autlöst, dem Himmel des neuen Glaubens. Der neue Glaube, das neue formende Prinzip des Nationalismus, erlebte zu gleicher Zeit seine endgültige feierliche Bestätigung: die französische Revolution. Was Montesquien im XIX. Buchet seines Esprit des lois, was Voltaire in seinem Essai sur les moeurs et Tesprit des nations als Frucht aus der historischen Blickweite der Autklärung gehoben hatten, fand nun seine