Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationalismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 675 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalismus 675 der gelösten Ordnungen, wo das Alte mit greisenhafter Hartnäckigkeit verharrt und das Neue sich erst in Wehen ankündet. Georg Simmel hat in seinen letzten Schriften gezeigt, wie dem Leben auf der Stufe des Geistes das Erzeugen eines selbständig sinnvollen Inhaltes immanent ist. Die Zusammenhänge des Lebens, seine organischen Kräfte und seine mehr oder weniger teleologischen allverwebenden Notwendigkeiten, schaffen aus sich gewisse Daseinsinhalte, die, ursprünglich vom Lebenstrom durchflössen und durchblutet, die Gesamtheit des Gegebenen vermöge ihres einheitlich durchgehenden Sinnes zu einer autonomischen Geschlossenheit formen, und nun ihrerseits Gestalter des Lebens, des Lebensmaterials werden. Die jeweilige Leitidee dieser geistigen Weltformen erscheint jetzt als das Ziel alles Lebens. Georg Simmel hat dieses Prinzip der Formung der Lebensinhalte zu einer jeweils in sich geschlossenen, einem unverkennlichen Gesamtprinzip Untertanen Welt auf die verschiedensten Sphären, auf die Welt der Kunst und die der Religion, auf die des Rechts und die der Erkenntnis angewandt, aber nicht auf die umfassendste, das Gesamtverhälten der Menschen einer bestimmten Zeit in all diesen geistigen Welten regelnde Sphäre, die wir in ihrer niedern Gestaltung die Politik, in ihrer höheren die Mystik oder den Glauben einer Zeit nennen. Der Lebensstrom erzeugt diesen Glauben, baut ihn aus Elementen der Tradition zu einem formenden Leitprinzip alles geistigen Erfassens auf, bis dieser Glaube, der seine eigene, dem Leben gegenüber transzendente Welt aufgebaut hat, zu dem Telos alles Lebens wird. Der Glaube des XIX. Jahrhunderts war sein Nationalismus; richtiger, sein Staatsnationalismus, die Verbindung des souveränen Volkes mit einem bestimmten, von ihm zu eigen besessenen Territorium. Nationalismus war das beherrschende Prinzip der Zeit, die sich von der französischen Revolution bis zum Weltkriege erstreckt; er hat Geschichte gemacht, und als Ziel die menschlichen Bestrebungen sich untergeordnet; er war das~ Prinzip, das trennte und verband. Wenige Jahrhunderte vorher war die Religion das beherrschende Prinzip gewesen. Sie trennte und verband; sie machte Geschichte und lenkte als Ziel die menschlichen Bestrebungen. Die Verschiedenheit der Rassen und Völker bestand in ihrer Mannigfaltigkeit von Temperamenten, Anlagen, Traditionen; aber das oberste ordnende Prinzip war die Religion, die ein inneres Erlebnis und Traditionsgebilde, und ein äußeres Band von Sitte, Lebensart und verbindender Politik bildete. Dnse Epoche dauerte bis zum dreißigjährigen Krieg. Nicht für die Mitlebenden, aber für uns Spätere erscheint er wie das Ende einer Epoche; wie ein Wendepunkt. Und hier sehen wir die merkwürdige Erscheinung, daß der Ausgang, das Ende nicht wie ein schwächer werdefldes Abklingen, sondern wie eine letzte äußerste Steigerung erscheint. Es ist, als ob das bis jetzt herrschend gewesene Prinzip, in einer äußerlich ungeheuren Verdichtung, seinen geballten Formungswillen