Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Herzl und die Neue Freie Presse
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 673 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101187-3107457--5574-3107498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herzl und die Neue Freie Presse 673 23. 11. August, im Orientexpreß hinter München*) Vor meiner Abreise von Wien gab es noch einen Krach mit Bacher. Ich hatte für Sonntag ein Feuilleton geschrieben (Das Automobil) und hatte es gut gemacht, um einen Urlaubsabgang zu haben. Montag nach Schluß des Abendblattes sagte ich ihm, ich wolle nun auf Urlaub gehen. Daß er mir die seit drei Tagen bei ihm liegende Bahnkarte nach Buchs bisher nicht ausgestellt hatte, hielt ich für einen Zufall, Indessen war es keiner. Er wollte mich durch das meskine Mittel der Kartenverweigerung länger dabehalten. Er sagte: Jetzt vor der Goethenummer wollen Sie mich allein lassen? Und wie lange wollen Sie ausbleiben? Ich: Bis Anfang September. Er (barsch): Das geht nicht. Ich: Gut, so werde ich am 24. August wieder hier sein. Er ging fort, ohne Adieu zu sagen. Ich hinterließ ihm den Schlüssel der Feuilletonlade mit einigen trockenen Zeilen. In dieser demütigenden Lage, wie ein Kommis um Urlaub bitten zu müssen, befinde ich mich noch heute! Es kam noch schöner. Am Tage nach meiner Abreise brachte die Neue Freie Presse im „Ausland" eine Notiz aus deutschen Blättern, wonach sich der Großherzog von Baden in St. Moritz zu dem jüdischen Gelehrten Dr. Berliner „sehr skeptisch über die zionistische Bewegung geäußert hätte". Das Gegenteil ist wahr. Des Großherzogs Worte, die sogar nach dem Jewish Chronicle für mich sehr freundlich waren (die heutige „Welt" enthält sie), wurden von den Lügenblättern Allgemeine Zeitung des Judentums und Jüdische Presse gefälscht wiedergegeben und fanden aus diesen infamen Blättern den Weg in die allgemeine Presse. Die Neue Freie Presse übernahm sie mit Wonne. Das ist mein Lohn für viele gute Dienste. 24. 24. August, Wien. „J'ai connu la grande blessure de l'argent", sagt Henry Beque. Je la connais aussi. Mein Werk würde viel wunderbarer erscheinen, wenn man wüßte, mit welchen Geldsorgen ich infolge meiner Aufwendungen für den Zionismus zu kämpfen habe. Die mehr als 50000 FL, die ich hineingesteckt habe, fehlen mir überall, machen mich der Neuen Freien Presse gegenüber noch unfreier, als ich schon war. Ich muß vor der Entlassung zittern, kann nicht wagen, mir den Gesundheitsurlaub zu nehmen, nachdem ich se.chs Wochen fort war, allerdings nur im Zionismus tätig. So komme ich heute wieder einmal in die Redaktion zurück, nachdem ich in Basel ein freier und großer Herr war, und muß demütig wie ein Kommis beim Herrn Prinzipal Bacher eintreten. Grausam! *) Fahrt nach Basel zum dritten Kongreß. (Anm. der Red.)