Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Herzl und die Neue Freie Presse
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 672 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101187-3107457--5573-3107497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
672 Herzl und die Neue Freie Presse 12. Oktober. Die beiden haben mich gestern wieder sehr aufgeregt. Merkwürdige psychologische Erscheinung, daß Bacher mir mehr Beklemmung verursacht als Reichskanzler Hohenlohe! Ihm gegenüber fühle ich sonderbarerweise noch imme^was ich war: ein schüchterner journalistischer Debütant, obwohl er mir geistig durchaus nicht imponiert. -20.*) 18. November. In der Neuen Freien Presse wurde diesmal nur noch gelächelt, nicht mehr gelacht, als ich wiederkam. Einige lächelten sogar neidisch. Benedikt machte ein sauersüßes Gesicht und fragte, was der Kaiser über Österreich gesagt habe. „Nichts!" antwortete ich. Bacher war sehr liebenswürdig. Auf seinem Tische lag zu seiner Beschämung und Verlegenheit die „Welt", die er nicht mehr verschwinden lassen konnte. Auch er fragte mich aus, auch er bekam nur vage Antworten. Ich würde ihn nur aufklären, sagte ich, wenn die Neue Freie Presse den ersten zionistischen Artikel gebracht haben wird. Nachher gerieten wir aber doch noch in einen Streit über den Zionismus, der gemütlich endete. 21. 29. Dezember. In der Neuen Freien Presse stand gestern eine offenbar offiziös inspirierte Berliner Information. «Ich fragte Bacher: von wem? Er sagte mir: „Steinbach ist in Berlin und hat mit Bülow gesprochen". Ich bin sicher, daß Bülow auch von mir gesprochen und Steinbach irgendeine flaue, mich heruntersetzende Antwort gegeben hat. Steinbach ist „Antizionist" und dürfte gesagt haben, ich sei ein liebenswürdiger Feuilletonist; als Politiker nehme mich niemand ernst. — Wie wenn ich dabei gewesen wäre. Das ist der Fluch der Schwäche. Nur eine lumpige Million für eine Zeitung — und alles wäre anders. 22. 27. Mai 1899. Jetzt konzentriere ich mich auf die Schaffung des publizistischen Organs, an dem ich ja schon seit Jahr und Tag arbeite. Der nervus rerum die Schwierigkeit. 500 000 unerläßlich, in Anteilen ä 50. Für Rosenbaum habe ich ein Expose ausgearbeitet. Der Clou darin die spätere genossenschaftliche Grundlage. Anteilscheine ä 100 Fl. mit Bezugsrecht auf ein Freiexemplar und Dividende. Ich weiß nicht, ob ich das durchführen werde beim Mangel an geeigneten Helfern. Aber das ist sicher eine Idee des kommenden Jahrhunderts. Das ist die Reform des Zeitungswesens. Der Abonnent als Aktionär oder Genossenschaftler des Journals. *) Am 28. Oktober hatte der Deutsche Kaiser vor Jerusalem die von Herzl geführte zionistische Delegation empfangen. (Anm, der Red.)