Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Herzl und die Neue Freie Presse
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 674 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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674 - Hans Kohh: 24. August. Wieder einmal „klar zum Gefecht" in die Redaktion gegangen. Wieder die grinsenden Gesichter derer,. die nicht dran glauben wollen, gesehen. Aber ihr Grinsen ist älter, und mir scheint, mutloser geworden. Bacher begrüßte mich comme si de Hen n'etait, als hätte er mir die letzten vierzehn Tage nicht vergiftet. Er sprach gönnerig ironisch vom Kongreß. „Jetzt sollten Sie sich aber doch bald von der Sache losmachen." Ich: „Ich denke nicht daran. Warum?" „Weil mit der Bank ein Gestank herauskommen wird." „Diese Bank," sagte ich, „ist sauberer als die, die wir zu sehen und in den Blättern freundlich besprochen zu finden gewohnt sind. , Die Gründer haben keine Vorteile, wie z. B. bei der Kreditanstalt." Er verkroch sich ein wenig. Dann kämen Leute herein, wir brachen ab. Vorher hatte der Reichsritter von V . . . ein bißchen zu höhnen versucht. Aber ich brachte ihn auf die Situation der Redakteure gegenüber den Herausgebern der Neuen Freien Presse, die wahrlich närrischer und niedriger ist als der Zionismus. Da hatte V . . , — mit scheuem Blick nach der Herausgebertür — einen Wutausbruch gegen Benedikt, den er haßt und verachtet, und dessen schmutziges Brot er essen muß. Ich verzieh dem armen Ritter seinen Hohn. Ich genoß seinen ohnmächtigen Zornesausbruch, denn er ist eine Figur in meinem modernen Sklaveridrama „Der Herr". In diesem Drama wird gezeigt, wie solche Kiesel zu Sande zerrieben werden. HANS KOHN / NATIONALISMUS J^Iartin Buler gewidmet, Große und weitreichende Ereignisse der Außenwelt, die in ihrer Art durch den Bewußtseinszustand der vorher und gleichzeitig lebenden Menschen bestimmt waren, üben immer ihrerseits weittragende Wirkungen auf die Umgestaltung und Neuformung der menschlichen Denkweise und Gesinnung aus. Diese Aenderung des Bewußtseinslebens ist von tiefen Erschütterungen begleitet, sie erzeugt eine Zeit der Unruhe, der Spannung, der Vereinsamung und Loslösung, und durch lange Jahre ist das Wesen dieses Prozesses nur ahnbar, aber dunkel und zweideutig in seinen Ergebnissen, ungewiß in dem hervorzubringenden neuen Weltbilde. Es sind Zeiten dergesteigerten Not, *wo nichts recht gedeihen will, wo oft scheinbar ein Rückgang stattfindet, wo Sterbendes und Totes mit Neuem und Wachsendem ununterscheidbar vermengt ringt. Vielfältig und seltsam sind diese Zeiten des Übergangs und Aus dem demnächst im Verlag R. Löwit, Wien erscheinenden Buch „Nationalismus* des Verfassers.