Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Herzl und die Neue Freie Presse
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 663 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Herzl und die Neue Freie Presse 663 Tagen mit Benedikt in Wien genug Aufregungen hatte, wich ich Bacher aus, tat, als ob ich ihn nicht gesehen hätte, und stieg rasch wieder in mein Coupe ein. Vielleicht hat er mich nicht bemerkt. In Ischl werden wir wahrscheinlich dennoch zusammentreffen und dort möglicherweise streiten. Mein Nervenzustand läßt mich allerdings wünschen, jetzt keine aufregenden Diskussionen zu führen. * * * Der gestrige Tag war interessant. Ich hatte mich entschlossen, von Benedikt Urlaub zu verlangen, um diesen alltäglichen Herzbeklemmungen in den erregten Gesprächen mit ihm ein Ende zu machen. Als ich gestern auf meinem Rad in die Redaktion fuhr, sagte ich mir: das ist wahrscheinlich das letztemal, daß ich in die Neue Freie Presse gehe? um die ich mich so viele Jahre so heiß bemüht habe. Diese schweren Differenzen müssen ja endlich zu meinem Austritt führen, da ich unmöglich auf die Forderung Benedikts eingehen kann: die „Welt" zu sistieren. Und merkwürdigerweise empfand ich bei dem Gedanken, diese vielbeneidete Stellung bei der N. Fr. Pr., die anerkannt erste literarische Stellung in Wien, zu verlassen, eine Art von Abiturienten-Erleichterung. Ähnlich war mir beim Abschied von der Schule zumut. Ferner dachte ich mir: so muß der Tod sein. Schmerzhaft — mehr psychisch als physisch schmerzhaft — ist wohl nur die Agonie. Der Tod selbst mag dem Sterbenden wirklich eine Erlösung sein. Ganz heiter räumte ich dann meine Feuilletonladen ein, machte Ordnung, wie eine gute Hausfrau noch den Schlüsselbund an den Haken hängt, bevor sie sich den Tod fühlend niederlegt. Dennoch war und ist mir ganz klar, daß ich durch meinen Abschied von der N. Fr. Pr. von einem Tag auf den anderen ein Deklassierter sein kann. — Die letzte Unterredung mit Benedikt gestaltete sich ruhiger, als ich gedacht hatte. Ich sagte ihm: „Mit ihrer Zustimmung will ich jetzt auf Urlaub gehen. Ich kenne jetzt Ihren Standpunkt in der Frage der ,Welt* und werde Ihnen bis zum ersten Juli meine Antwort schreiben." Er antwortete schnell: „Schreiben Sie mir nicht! Ich bin überzeugt, Sie werden mir folgen. Ich spreche als Ihr wahrer Freund — zwar auch in meinem Interesse, aber nicht ohne das Ihrige zu berücksichtigen. Sie schaden sich, wenn Sie als Jude auftreten." Ich sagte: „Schaden? Das ,kann man nur, wenn man eine Lumperei begeht." Er rief: „Über Charakter brauchen doch wir zwei nicht zu sprechen. So etwas wird niemand von Ihnen sagen oder glauben." Ich schloß: „Ich gehe also jetzt auf Urlaub. Feuilletons werde ich Ihnen schicken. Hier konnte ich nichts arbeiten. Diese Gespräche mit Ihnen haben mich zu stark aufgeregt."