Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Herzl und die Neue Freie Presse
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 662 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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662 Herzl und die Neue Freie Presse Dennoch trau ich dem Landfrieden nicht. Ich glaube; die Angriffe der Antisemiten hat Benedikt nur vorgeschützt, weil er sich vor meiner durch die „Welt" zu erlangenden Selbständigkeit fürchtet. 3- 23. Juni. Gestern wieder ein harter Krach mit Benedikt. Er kam in mein Zimmer, redete zuerst von allgemeinen und Redaktionssachen, schloß dann die Tür und ging dann-zur „Welt" über. Er dringender als bisher. Die „Welt" muß eingehen. Ich soll sie in eine Korrespondenz verwandeln oder sistieren, und die Partei möge sie in einer anderen Stadt, zu einer anderen Zeit, herausgeben. Ich hörte ruhig zu, gab keine Antwort. Er bat mich: „Seien Sie ein botl garpon! Seien Sie nicht trotzig. Soyez bon princel Was haben Sie von der ,Welt'? Sie schaden sich! Es ist mir leid um Sie! In der N. Fr. Pr. können Sie die größte Karriere machen. Was brauch* ich Ihnen da viel zu sagen? Sie sehen die Perspektive so wie ich. Sie können bei uns alles erreichen. So aber bringen Sie uns in die größte Verlegenheit. Wir können nicht als Judenblatt dastehen. Gerade jetzt, wo nach sechs Jahren zum erstenmal wieder eine Annäherung zwischen den Deutschnationalen und uns stattfindet (Sprachenverordnungskrieg), kommen Sie mit der Geschichte. Ich spreche (noch immer!) nicht als Herausgeber mit Ihnen, sondern als persönlicher Freund. Lassen Sie ab von der Sache, es wird Ihr Schaden nicht sein." Ich schwieg nur. Er sah mich mit der größten Erregung an. Er bat, versprach, drohte. Endlich sagte ich ihm: „Sie sind nicht gut informiert über die Stimmung im Publikum. Ihre Leser hätten nichts dagegen, wenn Sie vom Zionismus sprächen. Sie sind zu sehr Zeitungssoüverän geworden, Sie haben zu viele Bewerber um Ihre Gunst; man sagt Ihnen, was Sie hören wollen, und Sie hören nicht mehr die Wahrheit." Ich verlangte schließlich Bedenkzeit, und wir gingen zusammen aus der Redaktion weg. Für mich ist es klar, daß der Bruch mit der N. Fr. Pr. in den nächsten Tagen bevorsteht. Abends machte ich dem Aktionskomitee Mitteilung von den Schwierigkeiten, die ich wegen der „Welt" mit der N. Fr. Pr. habe. 4- 24. Juni. Im Coup6. Unterwegs nach Ischl. Ich habe soeben in Linz auf dem Bahnhof Bacher gesehen, der offenbar von Karlsbad kommt und auch nach Ischl fährt. Da ich in den letzten