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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 664

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Herzl und die Neue Freie Presse
Date
1921-01-01
Page
664 (sequence 6)
Language
German
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664 Herzl und die Neue Freie Presse Er entgegnete: „Mich auch! Also, beherzigen Sie meinen Freundesrat. Sie versprechen mir, daß Sie die ,Welt' eingehen lassen, nicht wahr?" Ich versprach ihm aber nichts, sondern schüttelte nur stumm den Kopf. Dennoch schieden wir „als Freunde". 5- Wien, 14. August. Die Arbeiten für den Kongreß und die „Welt" neben der Neuen Freien Pressö erschöpfen jetzt meine Kräfte, so daß ich nicht einmal die Energie aufbringe, Eintragungen in dieses Schiffsbuch der neuen Mayflower zu machen. Ich war auf einen Zusammenstoß mit Bacher bei meiner Rückkehr vom Urlaube gefaßt gewesen. Indessen schwieg er und machte mich sogar vorgestern witzelnd auf den Leitartikel in der Deutschen Zeitung über den Zionisten-Kongreß aufmerksam. Er wartet möglicherweise auf Benedikts Rückkehr, um die „Welt"frage zu liquidieren. Vielleicht kommt auch der Krach, wenn ich Ende dieser Woche wieder weg will. 6. 23. August Wieder einmal im Coupe, diesmal unterwegs nach Basel zum Zionisten- Kongreß. Die Arbeit der letzten Zeit war enorm. Der befürchtete Krach mit Bacher hat bisher nicht stattgefunden. Er war sogar in den letzten Tagen vor meiner Abreise liebenswürdig. Ich arbeitete viel für die N. Fr. Pr., um ihn gutzustimmen. Als ich meinen Nachtragsurlaub verlangte, tat er ein bißchen brummig, entließ mich aber doch bis 2. September. Dabei kam er auf meine Bewegung zu sprechen. Die Mitarbeiterschaft an der „Welt" müsse aufhören. Ich entgegnete: „Ich habe überhaupt nur einen Artikel in der ,Welt' signiert." Er sagte: „Was machen Sie denn noch? Sie wollen doch kein Wanderprediger werden?" „Nein", sagte ich, „ich will kein Berufspolitiker sein. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich eine der mir angebotenen Kandidaturen für den Reichsrat angenommen." Serenissimus, wie wir ihn in der Redaktion nennen, scherzte beinahe gnädig: „Was das schon für ein Vergnügen wäre. Da bin ich beinahe noch lieber auf dem Zionistenkongreß als im Reichsrat. — Aber Sie sollten jetzt aufhören. Sie sind doch ein Schriftsteller, Sie sind doch ein gescheiter Mensch." „Jawohl, weil ich ein gescheiter Mensch sein will, bringe ich meine Arbeit unter das Dach des Kongresses. Sonst wäre alles Bisherige Unsinn gewesen. Ich habe den Juden einen Kongreß gemacht, und von da aus soll das Volk sich weiter helfen, wenn es wirklich will. Ich selbst habe die Geschichte bis da hinauf satt."

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