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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 658

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Theodor Herzls Tagebücher
Date
1921-01-01
Page
658 (sequence 10)
Language
German
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658 Ernst Simon: Theodor Herzls Tagebücher Wirklichkeit. Einst hörte er erstaunt, daß es schon einen vor ihm gegeben hat, der dasselbe gewollt habe — Sabbatai Zwi, jetzt lernt er jüdische Menschen kennen und ihre Bindungen werden zum Teil die seinen. Er verhandelt mit den Chowewe Zion, spricht bei den „Maccabeans" in London, empfängt Besuche aus Palästina, Rußland, der Türkei, muß sich um jüdische Diasporapolitik, um Wahlen, um Zeitungsgründungen kümmern; die „Welt" entsteht, der Plan zum „Kongreß" wird gefaßt, das erste „Aktionskomitee" wird gegründet, die erste Opposition wird abgewehrt — solche Sachlichkeiten füllen jeden Tag und lassen jener falschen, eitlen Selbstbesinnung von ehedem buchstäblich keinen Raum mehr. Es ist höchst bedeutsam, wie schon in diesem ersten Jahr all die sachlichen Schwierigkeiten anklingen, die später zu den großen innerzionistischen Auseinandersetzungen führen sollten: die Frage Argentinien oder Palästina? löst sich zunächst, fast unmerklich, zugunsten des Heiligen Landes; das Problem des „Praktischen Zionismus" wird nicht nur von den Chowewe Zion, sondern bemerkenswerterweise auch vom Großherzog von Baden angeschnitten, während Herzl jede „Infiltration" ablehnt; der innere Konflikt zwischen einer jüdisch und einer patriotisch ausgerichteten Landespolitik in der Diaspora wird des öfteren akut. Keimhaft angelegt ist auch schon die große Auseinandersetzung zwischen Herzl auf der einen und Achad Haam und der „Demokratischen Fraktion" auf der andern Seite — man spürt jedenfalls ihre innere Notwendigkeit, wenn Herzls schlecht-europäisches Wunschbild immer wieder durchschimmert. Auch die Konflikte des Zionismus als solchen mit der Orthodoxie, der Assimilation, dem Missions-Judentum, sowie das peinliche (von Herzl bezeichnenderweise nicht in dieser Peinlichkeit empfundene) Bündnis mit den Antisemiten bereiten sich deutlich vor. Ihre volle Auseinanderfaltung werden all diese Dinge erst in den zwei folgenden Bänden finden, die ja dicht bis an den tragischen Abschluß dieses Lebens heranführen sollen. Denn so sehr Herzl auch unter seiner Last gewachsen ist, so sehr er sich mühte, vor der Rückkehr ins Judenland sein Judentum wiederzufinden, so mußte es sich doch rächen, daß die geheimsten Regungen der jüdisehen Volksseele ihm immer fremd blieben. Uganda war die Katastrophe dieses Lebens, und auch ihre innere Notwendigkeit kündigt sich schon jetzt an. Die echt tragische, unverschuldete Wesensschuld, die Herzl mit diesem verfehlten Plan auf sich nahm und zugleich büßte, wird seinem Wesen die letzte Reinheit geben — erst dann wird sich die spielerische Grandezza einer gestenreichen Melancholie völlig verwandeln in jenen echten Adel des Leids, dessen Gepräge Theodor Herzls letzte Lebensjahre trugen. Aber das liegt noch vor uns. Dieser erste Band führt bis an die Schwelle jener 25 epochalen Jahre, die heute abgeschlossen sind und die in einer Geschichte unserer Bewegung „Kongreßzionismus" überschrieben sein werden. Die Vorbereitung des ersten Kongresses, immer gehemmt durch Geld- und Berufssorgen, leitet diesen Teil der „Tagebücher" aus, der durch

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