Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 657 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Theodor Herzls Tagebücher 657 einmal ein Durchstoß ins Sachliche. Je realer die Schritte werden, je mehr der Romanplan zurück- und das Staatsprojekt in den Vordergrund tritt, desto mehr fallen die Schlacken der üblen Eitelkeit ab. Die psychologische Situation, die wir herausstellten, gilt nur für die erste Hälfte des Buches. Der einst von der „Dogenkrönung" wunschträumte, ist nun bereit, die Leitung der ganzen, schnell gewachsenen Bewegung den Rothschilds zu überlassen — ein Vorschlag, der höchst ernsthaft gemeint ist und wiederholt praktisch wird. Der einst eine schlechte Aufnahme irgend eines dummen Lustspiels kaum verwand, trägt jetzt mit heroischer Kraft riesige Enttäuschungen: Hirsch versteht nicht, Rothschild will nicht, Bismarck antwortet nicht, Güdemänn bleibt nicht — aber für Herzl gibt es kein Zurück mehr. Gelegentliche Anwandlungen der Verzweiflung werden stets in ganz wenigen Tagen überwunden. Die „Tagebücher" haben fast etwas wie eine Formel für jene Situation der Enttäuschung: ein kurzes „Erledigt!" Es erklingt immer dann, wenn eine große Hoffnung auf einen Menschen oder eine politische Kombination gescheitert ist. Bei Seite legen und weiter gehen — dies wird immer mehr Theodor Herzls* Haltung. Jenes „Erledigt!" ist ihr erschütterndes Symbol. Natürlich gibt es Übergänge. Der Literat ist der Freibeuter des Geistes, der Gondottiere derjenige der Tat. So ist es höchst bezeichnend, daß Herzl am Beginn seiner Arbeit immer wieder vom Bild des Condottiere beherrscht ist: es vermittelt gleichsam den Übertritt aus der theoretischen in die praktische Sphäre. So nennt er sich gegenüber Hirsch, dem Geldcondottiere einen „Geistescondottiere", so ist er an Napoleon, Lassalle, Gambetta vorbildhaft fixiert — ja von diesem letzten sagt er mit höchst charakteristischer Wendung: „Ich mag Gambetta eigentlich nicht, und er kommt mir wie ein Verwandter vor*. In diesem Paradoxon enthüllt sich der Prozeß der Verwandlung, in dem Herzl stand. Denn er blieb kein Literat und kein Condottiere. Beide sind charakterisiert durch jene völlig ungehemmte Möglichkeit, alles zu denken und alles zu tun. Ihre ungerichtete Bewegung, ihr unbeschwerter Flug, ihr unbelasteter Schwung geben ihnen häufig die Fähigkeit, Dinge miteinander zu verbinden und ein Fast-neues zu schaffen, die den in Verantwortung Besseren versagt ist. Je mehr Wirklichkeit ein Mensch hat, je weniger Möglichkeiten hat er. Theodor Herzl erlebte die große Gnade, daß ihm die Wirklichkeit nachwuchs: er erfuhr die große und fruchtbare Hemmung, seine Bewegung bekam Richtung, sein Schwung bekam Schwere, sein Leben erhielt einen Sinn. Er nahm diese Last entschlossen auf sich. Ein „Muß" war an die Stelle von tausend Möglichkeiten getreten. Wenn jene leere Bewegung, die den Literaten macht, vielleicht auch einer von den Flüchen ist, die Golusentwurzelung dem jüdischen Menschen bringt, .so war Theodor Herzl durch sein eigentümliches Schicksal wirklich der erste Jude, der zwar nicht das Golus, aber sein Golus überwand. Die Wirklichkeit wuchs ihm nach — die jüdische und die menschliche