Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 659 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Herzl und die Neue Freie Presse 659 ' jene phantasievollen Aufzeichnungen zum „Judenstaat", durch jene^Selbst- und Weltbespiegelungen eingeleitet wurde. Der zusammenfassenden Behandlung, die zeigen möchte, wie dies Buch zu lesen sei, liegt es zum Schluß noch ob, eine naheliegende Gefahr von vorn herein abzuwehren. Unsere verrannten „Realpolitiker" — ob sie nun Welt- oder Jugendpolitik treiben — können sich auf sehr viele Einzelheiten der Herzischen „Tagebücher" berufen. Man kann die Forderung " der Legion ebenso wie den leeren Kraftkultus und den kulturellen Ugandismus des „Blau- Weiß" von ihnen her legitimieren. Das sollte indes schon deshalb rechtschaffenerweise nicht geschehen, weil Herzl selbst immer wieder bereit war, alle Einzelheiten, die auf Widerstand stießen, sofort aufzugeben, um nur die große Konzeption zu retten. Es kam ihm nicht auf die Details an — wir haben die psychologischen, soziologischen und geistesgeschichtlichen Gründe aufzuzeigen versucht, warum er soviel Einzelheiten und warum er gerade diese herausschleuderte. Die Tagebücher dürfen nicht als inhaltliches Vermächtnis, als eine Art politischen Testamentes aufgefaßt werden. Bleibend und wertvoll an ihnen ist der Antrieb, der in ihnen steckt und von ihnen immer wieder ausgeht. Dieser Antrieb hat uns über Herzl hinausgeführt, er wird uns weiter führen. Und noch aus einem tieferen Grunde sollte man sich hüten, die „Tagebücher" inhaltlich auszuwerten: weil von Herzl selbst gilt, was eben von seinem Bekenntnisbuch gesagt wurde. Auch seine historische Bedeutung ruht nicht in dem, was er war, sondern in dem, was er tat, nicht im Substantiellen seines Wesens, sondern im Funktionalen seiner Kraft. Vor und nach ihm sind Bessere und Größere in der Jüdischen Bewegung aufgetreten — sein Wirken erst hat ihr vergangenes Sein historisch gerechtfertigt, ihr künftiges Leben ermöglicht. Er war kein großer Mensch. Aber er war der Führer, denn er hatte ein großes Amt. HERZL UND DIE NEUE FREIE PRESSE Nachdruck verhüten, Copyright 1922 by Jüdiuchcr Verlag Die nachstehenden, Eintragungen' aus zwei Jahren umfassenden Auszüge aus dem zweiten Band der „Tagebücher", dessen Veröffentlichung vom Jüdischen Verlag Vorbereitet wird, zeigen stärker, als eine Darstellung vermöchte, wie Herzl in seiner Stellung als Redakteur e^iner „liberalen", von zwei typischen Vor- und Rücksichtsjuden (Bacher und Benedikt) herausgegebenen Tageszeitung litt: „Sklave" eines Blattes, das seine Sache totschwelgen wollte, abhängig von Leuten, die seine Sache verspotteten, in der Zeit, als die ersten Kongresse stattfanden und die Bewegung sich auch die Anerkennung politisch maßgebender Personen und Kreise zu erringen begann.