Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 654 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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654 Ernst Simon: liehe, sondern spezifisch jüdische Quelle, über die sich Herzl selbst einmal treffend äußert „Aber ich glaube, wir sind nur eitel, weil uns die Ehre nicht zugänglich ist. Haben wir erst wieder unsere Ehre, so werden wir nicht eitel, sondern ehrgeizig sein." Diese zentrale Stellung der „Judenehre" macht eine weitere Gruppe von Einzelheiten der Konzeption verständlich, wenn sie auch ihren befremdlichen Charakter nicht ganz verlieren. Herzl handelt hier ganz re-aktiv, getrieben vom sozialen Minderwertigkeitskomplex des typischen Golusjuden. Alles das, was den Juden in Europa versagt war oder verkümmert wurde, erhält in dem Zukunftsbilde seinen überbetonten Platz: Adel, Fahnen, Militär, Duelle, Orden, Staatsfeste, all das soll nun auch den Juden offen stehen; sie sollen es nachholen dürfen, der gelbe Schandfleck soll zum Ehrenmal werden. Es fällt dem Menschen nach dem Weltkrieg schwer, zu verstehen, daß auch in diesen niederen Bezirken eine echte seelische Judennot empfunden wurde — man muß sich deutlich machen, daß Herzl - im Oesterreich der „Waidhofner Beschlüsse" lebte, die Juden jede studentische Satisfaktion verweigerten; man muß sich vor Augen halten, daß ganz die gleiche reaktive Einstellung sogar noch 1921 auf dem letzten Zionisten-Kongreß eine gewisse hohle Männlichkeit, ein dürres Heldenideal zum Gegenstand lauter Bewunderung machte. Nirgends deutlicher als im Uebernehmen der fremden Idealtypen von Männlichkeit und Ehre zeigt und zeigte sich der Fluch der Assimilation, die an der Wiege des modernen Zionismus stand. Auch Herzl konnte diesen Ursprung nicht verleugnen. Denn nicht nur sein Heldenbild, sondern sein ganzes Zukunftsbild vom „Gelobten Lande" ist beherrscht von der ihn umgebenden Gegenwart, die er ohne tiefgreifende Sozialkritik einfach auf das jüdische Volk und Land überträgt. Vom Sozialismus ist er innerlich unberührt — er hält ihn für eine „technologische" Angelegenheit, die, durch den Dampf entstanden, durch die Elektrizität wieder überwunden werden wird — der Pazifismus scheint ihm nicht nur in seinen zeitlichen Vertretern, sondern auch als Weltidee ohne tiefere Bedeutung — er rechnet ganz ruhig mit dem nächsten Kriege und erwägt die Vorteile der wieder geeinten Juden in solcher Völkerauseinandersetzung. So spürt er gar nicht, wie dies Europa, auf dessen Oberfläche er schwimmt, schon in seinen Tiefen neue gewaltige Ströme gebären will: stumm bleiben ihm die geheimnisvollen Stimmen, die aus unterirdischen Bezirken ans Licht wollen. Bürgerlich und schlechteuropäisch ist das Wunschbild, nach dem er seinen „Judenstaat" gestaltet. Man möchte sagen, daß auch Herzls Phantasie bürgerlich - europäisch ist — er hat nicht die farbige Plastik orientalischer Märchen,^ die er sich zu Unrecht zuschreibt, sondern die formal-technische Phantasie des rechnenden Menschen, bereichert durch jenes eigentümliche, wohl spezifisch jüdische Dekorätions- und Regietalent, das ohne große Schöpferkraft bekannte Dinge wirkungsvoll drapieren, einzustellen und anzuordnen imstande ist. Und ebensowenig wie Herzls Wunschbild — trotz des Siebenstunden-