Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 653 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Herzls Tagebücher 653 Details fordernd vor seine Seele. Man kann eigentlich nicht sagen, daß es entstehe: es ist da und breitet sich auseinander. Alles hat jenes gesteigerte Tempo, das den wirklichen Traum kennzeichnet, und das jene Illusion der Gleichzeitigkeit aller Vorgänge erzeugt, die uns so tief zu beunruhigen geeignet ist. Auf dem dämonischen Hintergrunde dieses seltsam entwurzelten Wachtraumes spielt sich ein halb unbewußter Kampf um die Zielsetzung des Ganzeh ab : wird es nur Roman sein oder wird es Wirklichkeit werden? Die Mischung von literarischem Plan und Staatsprojekt ist dauernd zu spüren; die beängstigende Fülle der Einzelheiten gilt gleicherweise für beide Bezirke, sie , stammt aus der zwingenden Phantasie, die beide Bezirke speist. Wird der Traum zum Qualtraum, so besinnt sich Herzl mitunter fast gewaltsam darauf, daß er ja nur ein Schriftsteller sei — „wird aus dem Roman keine Tat, so - kann doch aus der Tat ein Roman werden". Er flüchtet gelegentlich in die verantwortungs- und gewichtlose Sphäre der Literatur zurück, wie der vom Alpdruck Gequälte sich in das unterirdische Bewußtsein rettet, daß er ja doch nur träume. Aber trotzdem drückt der Alp weiter. Und trotzdem schickt sich Herzl mitten in den tausendfältigen Niederschriften dieser Tage an, die ersten Schritte auf dem Weg der Tat zu gehen: er leitet seine Beziehung zu Baron Hirsch ein. So ungewöhnlich aber sein Zustand ist — und so sehr er sich durch das Bewußtsein von dieser Anomalie, durch die Angst vor dem Größenwahnsinn noch selbständig weiter steigert--so ist doch dieser selbe Mensch Herzl, der er ehedem war, aus jedem Worte der Niederschriften deutlich zu spüren. Es wird hier ein großer Traum der Menschheit geträumt, aber der ihn träumt ist ein Literat. Diese Tatsache wirkt sich vor allem in der Bedeutung aus, die Herzl seiner eigenen Person im Rahmen des Gesamtplanes zuteilt. Vor diesen Peinlichkeiten darf man die Augen nicht zumachen, sie gehören bestimmend zum Bilde des Mannes. Es sind keine liebenswürdigen „kleinen Eitelkeiten", über die es nicht lohnte zu sprechen, sondern es ist jener „Narzismus", der den Literaten kennzeichnet. Er lebt nicht von der Gewalt des Ich aus, sondern vom Spiegelbilde des Ich her, nicht aus dem Unmittelbaren, sondern aus dem Zurückgestrahlten, nicht als Mensch zwischen den Menschen, sondern als Agierender vor dem Publikum. Dieses Spiegelmenschentum Herzls stellt ihn in einer schlechten Objektiviertheit aus sich heraus: er .sieht sich in irgend einer historischen Szene, ist gleichzeitig sein Schauspieler und eigener Zuschauer — ob er in Gedanken vor dem Papste steht oder ob er die Dogenkrönung im neuen Judenstaat ausmalt. Ja sogar bei realen Be- . gebenheiten verläßt ihn diese eigentümlich schattenhafte Selbstverdoppelung nicht: als ihm Güdemann, der Oberrabbiner von Wien, die Synagoge in München zeigt, empfindet er diesen ganzen, eben gelebten Akt sofort als «Symbol", als Literatur. Aber diese Eitelkeit hat noch eine andere, nicht mehr allgemein mensch-