Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 655 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Theodor Herzls Tagebücher 655 tages und der Arbeitshilfe — im sozialen Sinne zukunftsvoll ist, ebensowenig ist es dies im jüdischen Sinn, sowie man es nicht seinem Antrieb, sondern seinens Inhalt nach betrachtet. Auch hier rächt sich die tiefe jüdische Entwurzlung, aus der Herzls Wünsche stiegen, eine Situation, die aber andrerseits die Tatintensität dieser Wünsche überhaupt erst ermöglichte. Die Assimilation ist keine böse Fee, die bei der Geburt des Zionismus erschien, sondern die Hebamme, die dies Kind moderner Zeit und ewigen Judentums entbunden hat. Deshalb müssen die Folgen solcher Geburtshilfe kühl betrachtet und allmählich ausgemerzt werden. Bei Herzl sind sie noch ganz unreflektiert und ursprünglich vorhanden. Seine Herkunft aus der unjüdischen Sphäre zeigt sich zunächst fast belustigend in Kleinigkeiten: er teilt Güdemann mit, daß ein Brief an ihn, den Rabbiner, am Samstag abgehen werde, er malt sich aus, wie man irn Gelobten Lande vor der neuen Judenfahne den Kopf entblößen müsse, er zündet seinen Kindern den Weinachtsbaum an und nimmt^sich vor, als Güdemann sich verstimmt zeigt, künftig „den Chanukkabaum" anzuzünden— ohne sich aber im übrigen von geistlichen Ansprüchen drücken lassen zu wollen. Noch deutlicher aber als in solchen Einzelheiten zeigt sich Herzls Herkunft aus der unjüdischen Sphäre dann, wenn er über die Bedeutung der Religion und ihrer Träger im Zukunftslande spricht. Man fühlt aus seiner Fähigkeit, den religiösen Antrieb pragmatisch in seine Staatsrechnung einzustellen, die Unfähigkeit heraus, die Autonomie der Religion, die Unbedingtheit ihrer Sphäre, ehrfürchtig zu erleben. Sie ist ihm Mittel des kühlen Staatsmannes wie andere Mittel auch — er selbst bleibt unberührt. Nur wer in dem frevelhaften Synkretismus dieser ungläubigen Zeit alle Werte durcheinanderwirft und unterschiedslos jede seelische Hochstimmung und jede Hingabe an irgend eine große Idee „religiös" zu nennen wagt, wird Herzl nach diesen Tagebüchern noch einen religiösen Menschen nennen dürfen. Ihm fehlte gerade dessen eigentümlichste Gabe: jene Fähigkeit, das Absolute als Absolutes bestehen zu können, ohne sich in seine Relativierungen flüchten zu müssen. Er vermochte es ja nicht einmal, sich das Absolute aus den Relativierungen zu rekonstruieren, sondern blieb fast immer in den Bedingtheiten verstrickt. Herzl selbst hat zugegeben, daß er aus keinem religiösen Antrieb handle; auch hat er sich wiederholt einen „modernen Menschen" genannt, wodurch er seine technisch-nüchterne Denkart zu bezeugen suchte. Diese Einstellung machte ihn blind gegen die religiöse Not des Volkes, die er selbst nicht mitempfand. Auch in diesem Bezirke übertrug er einfach Krankheitserscheinungen des westlichen Golus in das neue Land gesunden Lebens: einen prachtvollen „Klerus" wollte er für die Rabbiner gründen, der — in Anlehnung an die antike Prieserkaste — mit Würden und Vorrechten ausgestattet sein, aber — ihr hierin wiederum unähnlich — nie über seine Grenzen schweifen und sich zur Hierarchie ausbilden sollte. Ebenso wie das