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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 652

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Theodor Herzls Tagebücher
Date
1921-01-01
Page
652 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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653 Ernst Simon: sam dadurch, daß er gerade in seiner grotesken Assimilationstendenz die psychologische Quelle freilegt, aus der nur zwei Jahre später Herzl zum Zionismus kam : die geistige Judennot, sondern auch noch aus einem historischen Grunde von überpsychologischem Belang. Herzl hat in diesem Plan sozusagen ein Stück jüdischer Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts in seinem Leben wiederholt, ein historisches Phänomen in ein biographisches verwandelt und erst dadurch endgültig überwunden. Gemeint ist natürlich die Taufbewegung zur Zeit Heines und Börnes, die auch nicht aus niedrigem Pragmatismus, sondern aus der Sehnsucht entsprang, die innerhalb der jüdischen Welt verloren gegangene menschliche Einheit des europäischen Juden durch das Entreebillett zur europäischen Kultur in der Welt Europas neu zu gewinnen. Ein derartiger eigentümlich historisch-biographischer Zug findet sich häufig im Leben national repräsentativer Männer: Herzls Taufplan st neben gewissen sozialen Reformplänen die einzige Tatsache aus seiner vorzionistischen Zeit, die, trotz aller Paradoxie, Von seinem künftigen Amt Kunde gibt. Als dieser Versuch Widerstand fand, gab ihn Herzl auf. Aber die Judenfrage blieb ungelöst — denn die „Leere und Nutzlosigkeit" aller Vereine zur Abwehr des Antisemitismus mußte ihm, der zu so radikalen Schritten entschlossen war, unerbittlich klar sein, ganz so wie Heine die Halbheit jenes „Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden" schnell durchschaute und sich von diesem Judentum abwandte. Herzl aber blieb und litt weiter unter dem Druck. In Paris schrieb er, 1894, seih Stück „Das neue Ghetto", ein Rededrama, das voller Ernst das Problem des Antisemitismus in seiner Wirkung auf die Juden stellte. Es gelangte nirgends zur Aufführung: zum Teil haben ängstliche Juden sie verhindert. Als dann aber selbst im freien Frankreich bei Gelegenheit des Dreyfusprozesses der unterirdische Antisemitismus laut hervorbrach, da war Herzl — nach eigenem Bekenntnis — mit diesem Gegner mitgewachsen und schleuderte ihm endlich die erlösende Konzeption entgegen: den „Judenstaat". In die Tage und Wochen, da ihn dies Werk „von unendlicher Größe . . . bis in die Bewußtlosigkeit hinein" ausfüllt, führt uns der erste Teil der Tagebücher. Natürlich ist es zunächst noch derselbe Mensch Herzl, der es nun aus seinem Erlebnis des jüdischen Schicksals heraus unternimmt, dieses Schicksal zu gestalten oder gar zu ändern. Doch ist er in einer ungewöhnlichen psychologischen Situation. Wie er selbst angibt, sind ihm die Grenzen zwischen Traum und Bewußtsein in jenen Tagen verschwommen. „Bis in die Bewußtlosigkeit hinein" verfolgen in die Gedanken des gepreßten Tags; tief in den Tag hinein wirken die Bilder einer traumhaft gesteigerten Phantasie fort. Die natürliche biologische Zäsur, die dem Körper Erneuerung und dem Geist die Funktion - klarer Orientierung täglich neu erschafft, droht ihm verloren zu gehen. Gleich einer gespenstischen Realität tritt dieses Wunschbild „Judenstaat" mit tausend

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