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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 651

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Theodor Herzls Tagebücher
Date
1921-01-01
Page
651 (sequence 3)
Language
German
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Theodor Herzls Tagebücher 651 und Feuilletons, deren besinnliche Klarheit noch das günstigste Bild seiner vorzionistischen Schriftstellerei spiegelt. Das einzige, was den vielfach Bewegten und an allerhand „Geist" Interessierten wirklich im Innersten packte und erschütterte, war der Antisemitismus. Diese Bewegung hatte in den Klassengegensätzen des sich industrialisierenden neuen Deutschen Reichs einen eigentümlichen wirtschaftlichen Charakter angenommen und drang in dieser „christlich-sozialen" Form auch nach Oesterreich hinüber. Unter der phäakischen Oberfläche Wiens mit seinen jüdischen Kaffeehäusern und jüdischen Tageblättern brodelte die Revolution des Kleinbürgertums, das sich in seiner autarkischen Existenz vor allem durch die jüdische Hochfinanz bedroht fühlte. Ganz wie in Deutschland flössen dieser Gegnerschaft Hilfskräfte aus den Reihen der nationalistischen Akademiker zu, die in ihrer Schicht den Kampf gegen den jüdischen Kommilitonen, Professor, Kritiker und Redakteur führten. Die verschiedensten soziologischen Ursachen halfen dem uralten judenfeindlichen Instinkt überall zu kräftigem Ausbruch und nahmen den Befehdeten fast die Luft zum Atmen. Unter dieser seelischen Atemnot hat Theodor Herzl schwer gelitten. Die „Tagebücher" verraten uns, daß ihm „die Judenfrage an allen Ecken und Enden auflauerte". Seit seinem halb freiwilligen Austritt aus der Burschenschaft, seit gelegentlichen antisemitischen Zusammenstößen mit „Hepp-Hepp"-Rufern, die ihm unverlierbar im Gedächtnis hafteten, be- % schäftigte sie ihn sowohl literarisch wie praktisch. Er erinnert sich, schon 1881 oder 1882, Aufzeichnungen darüber gemacht zu haben*), auch ist der Plan eines Judenromans ein sein literarisches Schaffen immer wieder beunruhigendes Motiv. Daneben geht ein praktischer Abhilfsgedanke höchst merkwürdiger Art: der Versuch „die Judenfrage mit Hilfe der katholischen Kirche wenigstens in, Oesterreich zu lösen". Der Papst sollte sich der Juden gegen die Antisemiten annehmen und als Gegenleistung nichts weniger erhalten als — die Massentaufe. Für sich selbst und die eigene Generation lehnte Herzl eine derartige Lösung damals allerdings ab, nachdem er einst in den „unbestimmten Wünschen einer jugendlichen Schwäche" auch diesen letzten Schritt, wenn auch nicht sehr ernsthaft, erwogen hatte. Nun aber sollten die Führer der Taufbewegung, als eine „Grenzgeneration", dem Glauben ihrer Väter treu bleiben und dadurch dem Ganzen den Stempel der freien und anständigen Tat aufdrücken. Das Volk aber und die Kinder der Führer träten in Massen zur Religion der Mehrheit über. Diesen Plan hat Herzl immerhin ernst genug genommen, um mit seinen Chefs Bacher und Benedikt, den Herausgebern der „Neuen Freien Presse", darüber zu beraten. Sie lehnten seinen Vorschlag ab. Er ist für uns nicht nur bedeut- *) Die Tagebucheintragung, an die Herzl hier denkt, ist am 8. Februar 1882 unter dem Titel ,E. Dühring, „Die Judenfrage*4* niedergeschrieben. Vgl. Leon Kellner, Theodor * Ker2ls Lehrjahre, S. x^'/rT., wo das Ganze abgedruckt ist, 42*

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