Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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650 Ernst Simon: den „Judenstaat", die zweite von Berichten über die Schritte, die Herzl unternahm, um sein phantastisches Projekt zu realisieren; die erste bietet also vor allem psychologische, die zweite meist politische Aufschlüsse, So sind es denn die 250 Seiten des Eingangs, die fortan zur Beurteilung des Menschen Herzl die vornehmste Quelle bilden werden. Wie sah dieser Mensch aus? Er war von Beruf Feuilletonist und Lustspielschreiber, von Amts wegen Korrespondent der „Neuen Freien-Presse" in Paris und später -einer ihrer Redakteure in Wien. Die eingeborene Art und die Gewöhnung des Metiers wirkten zusammen, um seine Beobachtungs¬ und Darstellungsgabe auf eine eigentümliche Zuspitzung der Dinge zu lenken, so daß er Parlament und Theater, Politik und Literatur, Menschen und Dinge lieber auf die kürzeste Formel des Witzes, des Aperes, des Epigramms brachte, anstatt diese Phänomene mit breiter Anschaulichkeit zu spiegeln oder ihre geschichtlichen Ursprünge und kulturellen Zusammenhänge tief zu ergründen. Ebenso sind seine Lustspielfiguren nur Figuren und nicht Gestalten, Vorwände für den Witz des Wortes oder den der Situation und nicht lebendige Menschen. Ihre erheiternde Wirkung fließt nicht — wie im großen Lustspiel — aus der tiefen Unvereinbarkeit der sachlichen und andermenschlichen Realitäten mit eben diesem ihrem lebendigen Menschentum; ihr Zusammenspiel enthält nicht ebensoviel tragische Keime wie komische. Von der in den Menschen Molieres, Cervantes1 und Shakespeares gestalteten tragikomischen Einheit sind Herzls Figuren himmelweit entfernt — es ist fast verjtnessen, diese großen Namen hier neben dem seinen zu nennen. Aber nicht einmal Schnitzlers und Hofmannsthals geringere Gnaden sind die seinen. Er war kein Dichter. Er war ein ausgezeichneter Journalist. Aber auch selbst auf diesem Gebiet ist er nicht zur eigentlichen Vollendung gelangt. Jene größte Ueberlieferung der deutschen Bildung war ~ ihm im Grunde fremd, die seinen Wiener Landsmann Ludwig Speidel etwa dazu befähigte, in der Einleitung zu Jacob Grimms „Kleinen Schriften" die besten Traditionen der großen Gelehrtenzeit verdünnt, aber würdig fortzuführen. Dieser echte Anschluß an die Welt des deutschen Geistes blieb Theodor Herzl zeitlebens versagt. Das liberal-jüdische Elternhaus, die juristische Vorbildung, die lange Pariser Tätigkeit gaben seiner geistigen Art eine Einstellung auf das Formale, eine französisch-österreichische Note, einen naturwissenschaftlich-aufklärerischen Anstrich, die in keiner Weise aus dem Zeitalter des technischen Fortschrittsvund der imperialistischen Ausbreitung herausfielen oder aus ihr herausführen konnten, Herzl war durch und durch ein Sohn seiner Gegenwart — und durchaus keiner ihrer tiefsten Söhne. Nie hätte der Konflikt zwischen zivilisatorischem Fortschritt und kultureller Not ihn zu „unzeitgemäßen" Betrachtungen verführt — höchst zeitgemäß war vielmehr alles, was er schrieb, von den Beobachtungen aus dem „Palais Bourbon" bis zu den liebenswürdigen, aber untiefen philosophischen Märchen