Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 649 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ERNST SIMON / THEODOR HERZLS TAGEBÜCHER*) Tagebücher sind Geschichtsquellen, nicht objektive Geschichtsschreibung. Sie bedürfen eingehender psychologischer Untersuchung, um zwischen dem Tatsachenbericht des historischen Zeugen und der Selbstaussprache des Rechenschaft Ablegenden auch nur die erste, noch grobe Scheidung zu vollziehen. Theodor Herzls Aufzeichnungen, die gleichzeitig mit dem Beginn der Arbeit am „Judenstaat" einsetzen, verlangen eine Solche Bemühung auch noch aus einem besonderen Grunde: geben sie doch nicht nur Kunde von den Anfängen der zionistischen Bewegung, sondern vermitteln uns darüber hinaus einen tiefen, trotz mancher Streichungen quellentreuen Einblick in Sein und Art dieses selbst Geschichte gewordenen Lebens. Es baut sich Stück für Stück aus den fast täglich vorgenommenen Eintragungen vor uns ,auf; mit einer ungeschminkten Ehrlichkeit, die in der verwandten Literatur kaum-ihresgleichen findet. Nichts nämlich — außer wenigen einleitenden Seiten — ist hier nachträgliche Reflektion späterer Jahre, etwa „Confessiones" eines Heiligen über seine sündhafte Jugend, die voll von der peinigenden Seligkeit der Selbstanklage sein müssen, nichts auch bewußte und erbitterte Rechtfertigung der eignen Politik in Erinnerungen und Gedanken, sondern alles unmittelbare Kunde vom heute gelebten Tage — mit seinen Augenblickserihnerungen und seinen historischen Entschlüssen, mit seinen menschlichen Eitelkeiten und seinen heroischen Opfern, mit seinen Sorgen um Beruf und Familie und mit der einen großen Sorge um das bedrohte und unglückliche jüdische Volk. Diese Mischung von Kleinheit und Größe, von Tag und Ewigkeit macht das Buch zu einem der ganz seltenen historischen und menschlichen Dokumente, als das man es mit Recht bezeichnet hat. Trotzdem sein Verfasser gelegentlich durchblicken läßt, daß er an eine posthume Veröffentlichung wohl dachte, ist diese Absicht nur selten störend zu spüren; die weitaus größten Partien des unvergänglichen Buches geben nichts als das eine: Rechenschaft. Der erste, bisher vorliegende Band zerfällt in zwei deutlich voneinander unterschiedene Teile, die freilich der äußeren Gliederung in vier „Bücher" nicht entsprechen. Die erste Hälfte ist angefüllt von Aufzeichnungen für *) 1895—1904; bisher liegt der erste Band vor, 1895—97 umfassend. Jüdischer Verlag Berlin -1922. Heft 11 42