Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 647 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 647 liegt die wirksame Korrektur der Befürchtung, der Misrad könnte seine Unternehmerfunktion zu sehr betonen. Der Misrad ist eine Demokratie," aber keine scheinbare. Er kann sich als Träger der Idee einer Synthese zwischen Freiheit und Verantwortung auf die Dauer nur halten, wenn er von der Zustimmung der Gruppen getragen wird. Dieses Vertrauen ist nicht ausschließlich eine Folge technisch guten Arbeitens. (Freilich gehört technisch gutes Arbeiten zu den absoluten Vorbedingungen, da nur richtige Kalkulation eine Existenz der Gruppen ermöglicht; aus unzureichender technischer Vorbereitung und wegen zu später Festsetzung der Löhne und Preise entsprang bisher in fast allen Fällen der Unwille gegen den Misrad von Seiten der Arbeiterschaft), sondern kann nur erhalten werden durch dauernde Aufklärung jedes Arbeiters über die Ziele des Misrad. Die Existenz des Misrad ist eine Frage sozialistischer und nationaler Erziehung. Die Träger der Erziehung, die verantwortlichen Gruppen, gewinnen dadurch große Bedeutung. Mindestens so wichtig ist es aber auch, dauernd Ventile zu schaffen, durch die sich ansammelnder Unwille beseitigt werden kann. Die Haschwaat hamechirim ist die Grundlage für eine gerechte Basierung der Bedingungen; doch darf auch dieses Prinzip nur so weit getrieben werden, daß die Freiheit der Einzelgruppe durch besondere Anstrengung, mehr zu arbeiten, nicht bedroht wird. Es war unter diesem Gesichtspunkt richtig, daß der frühere Beschluß, im Verhältnis alle Löhne herabzusetzen, falls die vom Misrad an die Gruppe auszuzahlende Summe die Erträge übersteige, nicht beibehalten wurde, und daß man in der Kommission ein unabhängiges, gewähltes, aus Arbeitern bestehendes Instrument hat, um zwischen dem Misrad und den Gruppen eine Einigung herzustellen. In dem Prinzip der Haschwaat hamechirim und den Funktionen der Kommission kann man das Hauptmittel erblicken, das Problem: „Freiheit des Einzelnen und Interesse der Gesamtheit" zu lösen. Ein weiterer wichtiger Differenzpunkt, wer die Verteilung der Arbeit vornehmen solle: die Leitung oder die Ortsvertretung der Arbeiterschaft, und nach welchem Prinzip: nach der Lage der Arbeitslosigkeit oder der Arbeitsgeeignetheit der Gruppe, muß seine Erledigung durch ein ähnliches Mittel finden; auch hier sollte nur in dringendsten Fällen über die Köpfe der Arbeiterschaft hinweg entschieden werden. Die Kommission sollte auch hier das endgültige Recht der Entscheidung haben, falls der Misrad aus sachlichen Gesichtspunkten bestimmte, besonders eingearbeitete Gruppen heranziehen will; im übrigen muß der Misrad ständig bemüht sein, weitere Gruppen auszubilden, was auch ito größeren Umfange an verschiedenen Orten geschieht. Wir sehen also, daß alle Angriffe der Linken bei einigermaßen geschickter Leitung und bei genügender Unterstützung durch die Gruppen in ein Nichts zerfließen. Es ist für den Misrad durchaus möglich, auf dem verantwortlichen Wege weiter zu gehen; die Resultate der Arbeit sind schon heute von weitreichender Wirkung. VII. Der zukünftige Weg des Misrad. Es bleibt jetzt nur noch Übrig, die Folgerung aus dem Gesagten zu ziehen und noch einmal zusammenfassend die Wirkung auf das Leben des Jischuw, die von dieser Gründung der letzten Jahre ausgeht, zu beschreiben. Der Misrad, wie alle Gründungen der Histadruth, besteht aus dem Willen der Arbeiterschaft heraus, in eigener Verantwortung Erez Israel zu erbauen. Es ist eine schwere, verhängnisvolle psychologische Täuschung, heute im Lande ohne Berücksichtigung der Tatsache arbeiten zu wollen, daß die jüdische Arbeiterschaft bewußter undv individualistischer ist als die jedes anderen Volkes. Ein Aufbau ohne diese Rücksichtnahme würde zu schweren Unzuträglichkeiten führen. Die Bedingungen der Kolonisation weisen folgerichtig den Weg zur Selbstarbeit der Gruppen auch in öffentlichen Arbeiten und in der Industrie; und es ist bei der wachsenden tatsächlichen Bedeutung dieser Arbeiten gegenüber den landwirtschaftlichen dieser Tatsache ein entscheidender Wert zuzumessen*). Es ist unabhängig von der Wertung der Entstehung eines Industrieproletariats im Lande, jedenfalls für immer damit zu rechnen, daß neben die landwirtschaftlichen Siedlungsdie industriellen Probleme treten. Und noch zu einem zweiten, in Erez Israel vielbesprochenem Thema muß hier Stellung genommen werden, um die Bedeutung der skizzierten Entwicklung genauer zu umreißen. Es wird zwischen Kuntres und Hapoel Hazair auch heute noch der Streit um „Tolstoismus oder Marxismus" ausgefochten. Von der einen Seite wird, ganz konsequent marxistisch, die Entwicklung nach den Grundsätzen des allgemeinen Sozialismus beurteilt und Organisierung und Gewerkschaftsbewegung gefordert; naturgemäß wird dann gegen die kleine Kwuzah, die isolierte Produktivgenossenschaft, Stellung genommen. Auf der anderen Seite wird die Industrieentwicklung als ein Unglück für Erez Israel anzusehen, die Organisierung *) Hier durchaus ohne Wertung gesagt; die Arbeiterschaft im Lande hält durchaus die landwirtschaftliche Besiedlung für das Fundament jeder jüdischen Arbeit im Land und verurteilt, zuletzt kürzlich in einer großen Sitzung gemeinsam mit Oettinger und Wilkansky, die Kürzung des Siedlungsbudgets aufs schärfste.