Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 646 (sequence 10)
- Language
- German
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646 Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina hierher zu kommen; warum sollte sie darauf warten, daß „der Kapitalismus" baut. Diese Ansicht widerspricht jeder sozialistischen Theorie und wird In Wirklichkeit auch nicht so ernst genommen und mehr zu Propagandazwecken benutzt. Es kommt der Linken wesentlicher auf den Gegensatz zur nationalen Idee an, und alle wirtschaftlichen Vorwände entspringen aus diesem Gegensatz. Die Fremdheit gegenüber den wirklichen Bedürfnissen des Aufbaus erklärt sich aus dem NichtWillen, ein jüdisches Palästina aufzubauen, aus ihm die Anwendung von Theorien, die nichts zu tun haben mit den wirklichen Erfordernissen der Arbeit So tritt die Linke mit ihrer Forderung der Bildung von Fachgruppen hervor, weil sie instinktiv fühlt, daß die großen Kwuzoth als Träger der Idee der Gesamtheit ihre stärksten Feinde sind, denn durch seine Einreihung in die Fachgruppe wird der Einzelne aus seiner Gemeinschaft herausgelöst: und das ist der Zweck der Sache. Es kommt der Linken weniger auf Aufbau, als auf Vorbereitung des Klassenkampfes an; diese negative Einstellung zeitigt natürlich Widerstand gegen die positiven Ziele der Gesamtarbeiterschaft, und jede scheinbar positive Forderung ist in Wirklichkeit nur Mittel zum Zweck der Zerstörung. Auch dort noch, wo die Angriffe empfindliche Stellen treffen, wie in dem Vorwurf, daß der Misrad seine Stellung zu den Arbeitern gegenüber seiner Unternehmeraufgabe vernachlässige (worüber noch zu sprechen sein wird) bleibt dieser Angriff frei von jedem Willen zur bessernden Mitarbeit. Dafür ein handgreiflicher Beweis. Auf der Hauptversammlung im April in Haifa, wo eine Reihe von Vertretern dieser Gruppe trotz Kenntnis des Hebräischen prinzipiell nur jiddisch sprachen, waren sie nach Stellung radikaler, rein negativer Misstrauensanträge in der Generaldebatte in dem Moment verschwunden, als man zu positiver Arbeit kam Typisch ist, daß die Träger dieser Anschauung nur in den Städten, wesentlich in Jaffa, sitzen. Der Wille zur landwirtschaftlichen Besiedlung, die von der Gesamtarbeiterschaft als Grundlage jeder Arbeit gefordert wird, ist in diesem Kreise naturgemäß nicht vorhanden. Ihr ganzes Leben ist auf die Stadt eingestellt. Und tatsächlich sind die Anschauungen der Träger des Misrad in der Stadt viel schwerer durchzusetzen. Sie entspringen dem kommunistischen Zusammenleben hunderter Arbeiter im Lager, auf dem Kwisch, in. den Kwuzoth, der Konzentrierung des ganzen Lebens auf einem Punkt; dort wird der Gedanke der Hingabe an die Gesamtheit, der Erziehung für die Gesamtheit, . der Haschwaat hamechirim, der Idee des gleichen Lohnes für alle, auch für die Fachleute geboren, dort die Anschauung, daß nur aus dem konzentrierten Leben der Kommune Erziehung und Erneuerung kommen kann. In der Stadt zerfließt das Leben; die Gruppen zerflattern, die Zusammensiedlung löst sich, die Erziehung zu nationaler Verantwortung ist schwerer: so tritt die Idee der Fachgruppe, die Zusammenfassung statt nach Lebensnach Berufsprinzipien in ihre Rechte. Dazu kommt, daß die Bauarbeit in der Tat in viel stärkerem Maße Facharbeit fordert als der Straßenbau; daher widersetzt sich die Linke als Vertreterin des Prinzips der Fachgruppen der Idee der Haschwaat hamechirim. Der Zusammenschluß in Fachgruppen wird als Mittel zur Erzwingung höherer Löhne gedacht. So gewinnt diese Idee in der Stadt, wo das wichtigste Instrument sozialistischer Verwirklichung, die Erziehung, viel schwieriger ist, an Boden. Diese Probleme sind spezifisch palästinensisch und finden in dieser Eigenart keinen Vergleichspunkt in anderen Ländern, da dort Erscheinungen wie Kolonisation, Aufbau durch Gruppen .einer selbstbewußten Arbeiterschaft und daher das Problem des Lebens in solchen Gruppen unbekannte Erscheinungen sind. Die Arbeiterschaft in der Stadt lebt viel europaähnlicher; das Leben nimmt eine andere, kleinlichere Entwicklung: und so zerteilt sich das Lager der Arbeiterschaft in zwei Haufen; ein unheilvoller Gegensatz schleicht sich ein. Die Angriffspunkte gegen den Misrad wurzeln in dem Satze, daß der Misrad sein Interesse als Unternehmer vor das des Arbeiters stelle. Dadurch, daß die Gruppe zu festen Preisen die Arbeit bekomme, sichere sich zwar der Misrad gegen allzustarkes Risiko; zugleich aber stelle das System eine Ausbeutung des Arbeiters dar, der unter knappsten Möglichkeiten im Akkord oft seinen Lebensunterhalt nicht verdiene. Die Haschwaat hamechirim sei nur eine versteckte Ausbeutung der fortschrittlichsten Arbeiter. VI. Die Haschwaat hamechirim als Hauptmittel zur Lösuag der Probleme: Freiheit des Einzelnen und Interesse der Gesamtheit. Diese sehr interessante Argumentation zeigt in der Tat die verwundbarste Stelle des ganzen Systems. Die(Gefahr besteht durchaus, daß die Unternehmeridee in der Leitung stärker wird, als dem Interesse der Gruppen zuträglich ist. Der Misrad wird zwar durch den Gang der Entwicklung, selbst wenn es ihm weiterhin gelingt, seine wirtschaftliche Position zu stärken und Eigenkapital aus Gewinnüberschüssen zu sichern, weitere Arbeitergruppen in seine Reihen zwingen, denn er verfügt über einen technischen Apparat, über Kredite, Kapital und Material, die die Einzelgruppe nicht hat, und so kann bei geschickter Führung der Misrad eine Gruppe nach der anderen aufsaugen. Auf der anderen Seite wird ohne dauernde Rücksicht auf die Stimmung der Gruppen der Misrad nicht existieren können: und hier