Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 645

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
Date
1921-01-01
Page
645 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101186-3107362--5540-3107436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 645 der zionistischen Leitung und des Waad Leumi in Tel-Awiw anläßlich des Streiks im „Silikat" die Frage aufgeworfen, ob nicht der Misrad „unlautere" Konkurrenz dadurch treibe, daß er den Arbeitgebern durch sein Dasein die besten Arbeiter wegnehme: interessant auch der Einwurf, daß Konkurrenz dadurch entstehe, daß die Arbeiter im Misrad natürlich aus eigener Initintive länger als 8 Stunden arbeiten, während die Arbeiterorganisation eine längere Arbeitszeit bei ihnen selbst nicht zulasse. Diese „Vorwürfe" sind so allgemeiner Natur und haben mit der eigentlichen Arbeit des Misrad so wenig zu tun, daß es genügt, auf die positive Stellung des Misrad hinzuweisen (es ist in dieser Arbeit nicht meine Absicht, auf Einwände, die mehr den Sozialismus als solchen und nicht speziell die Arbeit des Misrad betreffen, einzugehen). Der Misrad hat alles Interesse an der Steigerung und Intensivierung der Produktion im Lande durch Kapital, das von ihm selbst nicht aufzubringen ist; er hat aber ebensoviel Interesse daran, die Gesamtarbeiterschaft zu organisieren und die Idee der Selbstverantwortlichkeit der Gruppe gegenüber dem alten System durchzusetzen. Er will die Gesamtarbeiterschaft, auch die nicht in seinen Reihen arbeitende umschließen und nach Möglichkeit in die Idee der Haschwaat hamechirim hineinziehen und die Idee der Selbstarbeit unter der Arbeiterschaft fördern; er muß daher durch seine eigene Arbeit als Unternehmer der Gesamtarbeiterschaft den Rücken so. stärken, daß sie Arbeitskämpfe um ihre Selbstbehauptung ausfechten kann. Er hat den Weg zu suchen, der gleichzeitig die Heranführung neuen Kapitals gestattet und doch die Arbeit der Arbeiterschaft unter eigener Regie ermöglicht. Seinen eignen Weg muß der Misrad folgerichtig zu Ende gehen, da er in Wirklichkeit der einzige ist, der eventuell auch ohne Privatkapital Aufbau ermöglicht. Er muß der Arbeiterschaft helfen, die folgenden Ziele zu erreichen^ . Uebernahme der Arbeit auch in den Privatbetrieben durch die Arbeiterschaft in eigener Regie, Anschluß der Arbeiter an die Gesamtbewegung, Unterstellung in der innerlichen Organisation unter das Prinzip der Haschwaat hamechirim; keine Einzeleinstellung, Aufhebung auch der Arbeitsnachweise im allgemein üblichen Sinn, da die Arbeit ja gruppenweise Übernommen wird. Die Uebernahme der Arbeit erfolgt zu festen Preisen; ein risikoloser Gewinn fällt an den Kapitalgeber; die Gruppe hat die Möglichkeit, aus der Produktion Gewinn zu erzielen; der Kapitalgeber behält außerdem den Gewinn aus dem Absatz der Produkte, trägt aber dafür auch das Risiko. Es ist ersichtlich, daß bei diesem System sowohl das Kapital den nötigen Anreiz behält, andererseits aber der Arbeiterschaft Selbstverantwortung zufällt, ohne die der jüdische Arbeiter Arbeit nicht übernehmen will. Der Misrad "Weiß aus vieler Erfahrung, daß nur dieses System eine Steigerung der Produktion ermöglicht, und es ist bereits in letzter Zeit, bei den Drainagearbeiten im Emek Jesreel, die gemeinsam mit einer Privatgesellschaft ausgeführt werden, gelungen, Kreise, die der Arbeitgeberschaft nahestehen, davon zu überzeugen, daß die Idee der Selbstarbeit der Gruppen unter technischer Leitung des Misrad auch für die Leitung ein Fortschritt über das gewöhnliche System hinaus ist „Die Produktivgenossenschaft bedeutet immer einen gewaltigen Fortschritt in der Arbeitsleistung", sagt mit Recht Oppenheimer in der „Siedlungsgenossenschaft". Es wird zwar harte Kämpfe kosten, die Arbeitgeberschaft von der Richtigkeit dieses Prinzips zu überzeugen; der Misrad muß nur unbeirrt seinen eigenen Weg gehen, den er den Arbeitern nicht aufoktroyiert, sondern der von ihnen bestimmt wird; gleichzeitig wird aber der Misrad Vorkämpfer der Arbeiterschaft in der Stellung zu den Arbeitgebern. Seine Arbeit wird bestimmt durch die Rücksicht auf den nationalen Aufbau ebensosehr wie durch die Idee, daß es nur eine wirklich ethische Idee im ökonomischen Prozeß gibt: die Beherrschung der Produktionsmittel durch die Arbeiterschaft selbst. Viel schwieriger ist die Auseinandersetzung mit den Widerständen von links, aber auch tiefer in das Wesentliche hineinführend. Dieser Flügel, dem nationalen Gesichtspunkte ganz fern liegen, und der nicht das geringste Interesse an Chaluziuth und "Alijah hat, stützt sich in . seiner Argumentation gegen das Wirtschaftssystem des Misrad und seiner Träger auf den Einwand, daß es die alleinige Aufgabe der allgemeinen Arbeiterorganisation sei, Gewerkschaften im Üblichen Sinne, ohne Unternehmerfunktionen, zu bilden. Werde Palästina nicht privatkapitalistisch in stärkstem Maße aufgebaut, so sei es verloren. Produktivgenossenschaften seien vormarxistische Utopien; es gelte, die Arbeiterschaft zu Fachgruppen zusammenzuschließen (Berufsim Gegensatz zur Industriegewerkschaft) und mit Hilfe der gewerkschaftlichen Berufsorganisation die Macht in stetem Klassen- „ kämpf und in Verbindung mit dem arabischen Proletariat zu erobern. Diese kurz skizzierte Anschauung der Linken ist zwar konsequent, aber sehr angreifbar. Sie vernachlässigt die primitive Tatsache, daß Sozialismus in Erez Israel Aufbau bedeutet. Es ist eine In den Grundzügen falsche Forderung, daß die Arbeiterschaft aus theoretischen Gründen von eigener Unternehmertätigkeit absehen solle. Diese Forderung gilt heute nicht mehr in hochkapitalistischen Ländern in ihrer Reinheit. In einem Kolonisationslande ohne Kapital hieße das geradezu freventlich Möglichkeiten unausgenützt lassen. Die jüdische Arbeiterschaft kommt nach Erez Israel, um aufzurichten, denn sie hat sonst keinen anderen Grund,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.