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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 643

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
Date
1921-01-01
Page
643 (sequence 7)
Language
German
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Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 643 usw.). Auf der Zusammenschlusskonferenz wurde aus richtiger Erkenntnis der Schwierigkeit der Existenz isolierter Gruppen auch die Frage der Stellung zum Maschbir berührt; auch die der Haschwaath hamechirim dürfte akut werden, falls sie getrennt vom Maschbir bestehen bleiben. Die isolierte Genossenschaft ist kein Träger sozialen Fortschritts, sondern muß folgerichtig dahin gelangen, eine auf Rentabilität gestellte, sich abschließende Zelle zu werden, die sich von jeder anderen Werkstätte nur dadurch unterscheidet, daß sie mehrere Besitzer hat. In Kolonialländern, wie Erez Israel, geht dieser Prozeß nur langsamer vor sich als anderswo. Die Synthese zwischen der Zwangsorganisation des absoluten Staatssozialismus und dem utopischen, in seinen Konsequenzen reaktionären Weg der anarchistischen, solierten Produktivgenossenschaft, hat am klarsten und deutlichsten der englische Gildensozialismus gezeigt. Schlagwortartig zusammengefaßt ist die Losung des Gildensozialismus: den Weg zu finden, der die Freiheit des Einzelnen als Produzenten und das Interesse der Gesamtheit, des Konsumenten, des Staates in gleicher Weise wahrt (wobei natürlich, wie in jedem sozialistischen System, die Eroberung, die Kontrolle und der alleinige Besitz der Produktionsmittel durch die Arbeiterschaft Voraussetzung ist). Neuartig ist der Versuch, auf diesem Wege von unten her weiter zu schreiten, nicht wie in Rußland zentralistisch. Dieser Weg kann in den Ländern kapitalistischer Reife nur langsam, Schritt für Schritt gegangen werden, indem man die Gewerkschaften zu Industriegewerkschaften ausbaut, die Gesamtheit der gelernten und ungelernten Arbeiter zu einer Einheit zusammenschließt und sie nur innerlich für die Verwaltung dezentralisiert. Das Interesse der Gesamtheit gegenüber dem Produzenten wird durch die Konsumentenorganisation und den demokratischen Staat gewahrt, die zwar keinen direkten Einfluss auf den Produktionsprozeß, der nur von der Arbeiterschaft als Produzenten beherrscht wird, haben, aber doch als politische Gesamtvertretung die Kontrolle über die Verteilung der Produktion behalten. Die Entwicklung der Gilden ging charakteristischerweise vom Bauwesen aus; die Praxis führte natürlich nur schrittweise zur Verwirklichung des theoretischen Programms. Die Grundsätze der Baugilden gipfeln in dem Prinzip: 1. Uebernahme der Arbeiten in Selbstregie, 2. Löhnung der Mitglieder auch in der Zelt der Arbeitslosigkeit, der Krankheit usw. (Steigerung der Produktion durch das Interesse der Einzelnen, das durch dieses Prinzip geweckt wird), 3. keine Verteilung des Ueberschusses, sondern Bildung von Reservefonds und Schaffung von Kapital in den Händen der Gesamtheit (Man beachte, wie volkswirtschaftlich richtig die Unterschiede in der Nichterteilung des Ueberschusses gegenüber dem Konsumverein erfaßt werden. Gerade diese NichtVerteilung bedeutet in der Produktivgenossenschaft eine Bewahrung vor der parasitären Entwicklung ) , Die Prinzipien, die im Misrad entscheidend sind, Haschwaat hamechirim, einzelne verantwortliche Genossenschaften und möglichst keine Einzelarbeit, spielen natürlich in England, in Ländern festgesiedelter Menschen, ausgeübter Facharbeit und reichlichen Kapitals keine Rolle. Aber das Grundprinzip, Eroberung der Freiheit des Einzelnen durch Unterstellung unter die Gesamtheit ist das gleiche? Die erste Gilde entstand 1920 in Manchester; seitdem existieren (bis Ende 1921) über 120 Gildenverbände. Im ganzen bestanden bis dahin Verträge Über 500000 Pfd. Es existieren Ortsgruppen, die zu Bezirksverbänden und einer Zentrale vereinigt sind. Die Zentrale Übernimmt die Kreditbeschaffung und schließt die Verträge ab. Die Leitung der Bezirksverbände wird von den Ortsverbänden gewählt, diese wählen die Zentrale; -jeder Genosse der Zentrale muß daher auch im Bezirksverband sitzen und Beauftragter der Ortsgruppe sein. Die Leitung wird mit 2/3 Majorität gewählt, aber auch mit 2/3 Majorität zum Rücktritt veranlaßt; Grundlage des Ganzen ist die örtliche Autonomie; - der Ortsgilde fällt die Verantwortung für die Ausführung, Wahl der Leiter, Führung der Geschäfte usw. zu, In den Ortsgruppen sitzen die Vertreter aller örtlichen Gilden; viele Probleme werden zur Lösung der Ortsgruppe übertragen; es wird also eine möglichst hohe Dezentralisation angestrebt (vergleiche den Gegensatz zwischen örtlicher und zentraler Verteilung der Arbeit im Misrad). Das erste Kapital wurde mit Hilfe der Zweigstellen des „Allgemeinen Maurerverbandes" durch Ausgabe von zinslosen Aktien durch die Arbeiterschaft selbst eingebracht. Die Bezirksverbände übernehmen die Ausarbeitung der Örtlichen Satzung, bestimmen die Stellung der Fachleute zu den Arbeiten, übernehmen die Lieferung der Materialien usw. In London wurde bereits zur Gründung einer eigenen Tischlerei und eines Lagers geschritten. Soviel über den Aufbau der Baugilden in England. Erwähnt sei noch, daß auch in Deutschland in der „Bauhütte" ähnliche Versuche vorliegen. In Erez Israel ist die Arbeiterschaft aus der Praxis heraus einen ähnlichen Weg gegangen und zwar mußte sie ihn gehen, weil das Privatkapital zu der Zeit, in der tausende Arbeiter ohne Kapital ins Land kamen, nicht zum Bau bereit war. Der Weg des Aufbaus mit jüdischen, zwar meist ungelernten, aber bewußten Mens.chen mit alleiniger Unterstützung des nationalen Kapitals führte die Arbeiterschaft mit Wissen und Förderung der zionistischen Leitung auf den Weg, den wir skizziert und den

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