Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 642 (sequence 6)
- Language
- German
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643 Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina Die beiden ersten Gründe mögen in der Tat in Europa fast jede isolierte Genossenschaft treffen und ihre Konkurrenzfähigkeit vernichten; .s i e sind aber nicht prinzipieller Natur, sondern gelten nur für die Bedingungen kapitalreicher Länder. Der dritte für Oppenheimer ausschlaggebende Grund, der Mangel an Disziplin in der Genossenschaft nur gleichgestellter Genossen ist in der Tat prinzipieller Natur, gerade er aber trifft nur für die isolierte Einzelgenossenschaft zu. In ihr ist die Entwicklung zu einem parasitären Unternehmergebilde mit mehreren statt einem Leiter kaum vermeidlich. Oppenheimer aber selbst, gewiss ein Vertreter individualistischer Betrachtung, zeigt bei der Betrachtung der französischen Genossenschaften von 1848, daß die Unterstellung unter das große Prinzip, die Vereinigung aller Genossenschaften in einem Verbände, die Bildung eines großen Fonds, bestritten daVaus, daß die Arbeiter einen Durchnittslohn erhalten und alle Gewinne in einen großen Fonds fließen, die dauernde Existenz der Produktivgenossenschaften ermöglichen. Da in dies am Fall keine Gründe vorliegen, aus pekuniären Gesichtspunkten die Genossenschaften abzuschließen (da der einzelne .Arbeiter ja innerhalb der Genossenschaften nicht mehr verdient als außerhalb und die Genossenschaft daher auch für den Durchschnitt der Arbeiter keinen besondern Anreiz bietet, der sie veranlaßt, sich abzuschließen), können sie allen offen stehen; durch die Stärke des Gedankens sind Disziplin und Leitung gesichert, da zunächst die idealistischen Arbeiter führen, dann aber auch die gesamte Arbeiterschaft in den großen Verband mit ökonomischer Notwendigkeit hineingeführt wird. Selbst Oppenheimer schließt diesen Abschnitt mit der Ansicht, daß aus diesem Versuch der großen, von einer hingegebenen Arbeiterschaft getragenen Genossenschaft vielleicht etwas hätte werden können, wäre er nicht gewaltsam von außen unterdrückt worden. Auch diesen französischen Genossenschaften ist der Misrad nur teilweise ähnlich. Er ist keine Arbeitsgenossenschaft, aber auch keine Produktivgenossenschaft im Sinne der französischen, sondern ein neues, starkes, aus keiner Theorie, sondern aus der Notwendigkeit des Lebens heraus entstandenes Gebilde. * Der Misrad ist keine Arbeltsgenossenschaft, den er führt in immer stärkerem Maße nicht nur Arbelten im Dienste anderer Auftraggeber aus, sondern geht zur Eigenproduktion über. Von den italienischen und anderen Arbeitsgenossenschaften ist er dadurch unterschieden, daß er nicht nur eine lose Vereinigung von Menschen darstellt, die aus Gründen der Arbeitslosigkeit zeitweilig sich zusammenfinden, sondern mit eigenem, wenn auch bisher geringem Kapital Arbeiten jeder Art übernimmt. Und drittens ist gerade ,das Wesentliche, das Prinzip der Ausgleichung der Preise und der unbedingten Unterordnung unter die Beschlüsse der Gesamtheit, sowie das der Gruppenautonomie in der Arbeit, bei den anderen Genossenschaften, die zur Rückkehr zur Landwirtschaft tendieren, nicht zu finden. Dieser letztere Zug ist zwar auch gerade den führenden Gruppen des Misrad wesentlich, hindert sie aber bei der eigentümlichen Struktur der palästinensischen *„Facharbeit" und der Idee der Verantwortung für die Gesamtheit nicht, sich als dauernd verantwortlich auch für die industrielle Entwicklung zu führen. Das Gesamtprinzip der Arbeit ist weit bewußter als das der italienischen vereinzelten Genossenschaften*). Von den französischen reinen Produktivgenossenschaften ist aber der Misrad durch seine Herkunft getrennt; er entsteht wie die Arbeitergenossenschaften nicht als selbstständiger Unternehmer, sondern führt die Unternehmungen im Anfang ausschließlich für Kapitalgeber aus. Gerade durch diesen Ursprung aber ist es gekommen, daß man nicht nur aus den Tatsachen heraus, sondern immer bewußter den für gewerbliche Genossenschaften verhängnisvollen Weg der Auflösung des Ganzen in einzelne Genossenschaffen vermieden hat. Von vornherein gewann dadurch die Arbeit den großen Aspekt, und bei dem Uebergang zur Bauarbeit konnte man daher den Fehler vermeiden, isolierte Produktivgenossenschaft zu fördern. (Isolierte reine Produktivgenossenschaften existieren ebenfalls In größerer -Zahl im Lande; sie sind meist jüngeren Datums; auch sie sind, da sie in einem bisher wenig kapitalistischen Lande entstehen, zunächst weniger von Kredit und Kapitalmangel bedroht als die europäischen. Ueber ihre weitere Entwicklung dürfte, falls nicht der kürzlich erfolgte Zusammenschluss grundlegend Neues bringt, das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Ohne diesen Zusammenschluss und ihre Unterstellung unter gewisse, in dieser Arbeit wiederholt betonte Prinzipien dürften sie jedenfalls keine Bedeutung für das allgemeine palästinensische Leben gewinnen. Ihre Zahl beträgt bisher 13 mit 139 Genossen in allen Zweigen des Handwerks (Tischlerei, Metallgewerbe, Schusterei, Druckerei, Schneiderei *) Um hier die Entwicklung In Sowjetrußland kurz zu erwähnen, sei gleich hervorgehoben, daß man in den leitenden palästinensischen Arbeiterkreisen im Gegensatz zu Sowjetrußland nie bezweifelt hat, daß dem auswärtigen Kapital im Lande auf Jahrzehnte hinaus eine große Rolle zufällt; die Organisierung der Arbeiterschaft im Misrad bedeutet also von vornherein auf lange hinaus nicht den in Palästina heute noch unmöglichen Versuch einer allgemeinen Nationalisierung. Die Wege des Sozialismus sind hier, wie gezeigt wird, ganz andere.