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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 641

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
Date
1921-01-01
Page
641 (sequence 5)
Language
German
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Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 641 der Einzelarbeiten zu übernehmen und Fachgruppen, im wesentlichen zu Ausbildungszwecken, innerhalb des Mlsrad zu gründen. Damit wäre der Gefahr isolierter Fachgruppen, die sich abschließen und in Gegensatz zur Masse der Arbeiterschaft treten; die Spitze abgebrochen und die Gesamtarbeiterschaft in die umfassende Gesamtorganisation eingegliedert. Für die Zwecke der Ausbildung werden die verschiedensten Gruppen gebildet und während der Arbeit, teilweise von Arabern, angelernt. Der Mangel an geübten Arbeitern ist ständig sehr groß. Vor allen Dingen besteht auch im Misrad das Streben, in die bereits organisierten Gruppen ständig neue Einwanderer einzufügen, da die Aufstellung besonderer Gruppen zu Ausbildungszwecken größere Schwierigkeiten macht In seiner Gesamtpolitik stützt sich der Mlsrad auf einen Block organisierter Gruppen, besonders Gedud Awodah und Haschomer Hazair, die ihrerseits natürlich wieder die Wegrichtung des Misrad beeinflußen. Dieses ganze System beruht auf der richtigen Beurteilung und Kalkulation der Bedingungen der Arbeit und macht die Einzelgruppe im übrigen selbst verantwortlich für Gewinn und Verlust; es erfordert eine Menge neuartiger Arbeiten zur Organisierung des inneren Aufbaus des Misrad, die dem Privatunternehmer unbekannt sind. Neben die Uebernahme der Arbeit tritt die innere Organisierung, die Verhandlung mit den Gruppen; die Gesamtarbeiterschaft bestimmt das System der Arbeit und die Leitung muß entweder ihre Ansicht durchsetzen oder sich fügen. Dagegen ist sie, falls sie einmal nach einem bestimmten System gewählt ist, in der Zwischenzeit unabhängig und kann im einmal aufgestellten Rahmen eigne Initiative entwickeln; sie bespricht nur alle entscheidenden Fragen mit einer auf der Generalversammlung gewählten Kommlslon, die Vertreter aller Gruppen enthält. So wird ein elastisches System von Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Selbstverantwortung und Disziplin, Freiheit des Handelns und Hingabe an das Gänze erreicht, das ein erfolgreiches Arbeiten ermöglicht, trotz der Neuartigkeit der Aufgabe. IV. Die Bedeutung des Misrad als sozialistischer Faktor. Bevor nun eine eingehendere Darstellung der Probleme versucht wird, die sich aus dem so skizzierten System der Arbeit des Misrad ergeben, soll geschildert werden, was für ein ökonomisches Gebilde der Misrad darstellt und inwiefern ihm eine besondere Bedeutung für die EntwicklungErez Israels aus seinemFrinzip heraus zukommt. Wie die Verhältnisse in Erez Israel liegen, muß ein weiteres Förtschrelten der Arbeiterschaft als Selbstunternehmer von größter Bedeutung für alle Fragen der Entwicklung werden. Der Misrad stellt den Versuch dar, durch Zusammenschluß autonomer Genossenschaften für öffentliche Arbeiten sowie Bau und damit zusammenhängende Gewerbe in einem Verbände, durch Schaffung einer gewählten, verantwortlichen, in einem bestimmten Zeitraum und in bestimmten Fragen der Technik der Arbelt unabhängigen Exekutive sowie durch Aufbau eines auf Selbstverantwortung der Gruppen und Ausgleich der Arbeitsbedingungen hinzielenden Systems die" Arbeiterschaft unabhängig vom Zwischenunternehmer zu machen, sie weiterhin aber auch in den Besitz voriProduktionsmitteln zu bringen und die Verantwortung der Arbeiterschaft für die Gesamtnation durch Arbeitserziehung zu erreichen. Wir haben es also mit einer Genossenschaft zu tuor*' deren Prinzipien und Aufgaben den Zielen einzelner ökonomischer Gebilde in Italien (Arbeitsgenossenschaften), Frankreich (Produktivgenossenschaften von 1848), England (Gilden) bei oberflächlichem Hinsehen zu entsprechen scheinen. Zunächst fällt ihre Aehnlichkeit mit den von Freyer u. a. dargestellten italienischen Arbeitsgenossenschaften auf, die von ihm aus den verschiedensten Gründen mit Recht von den eigentlichen Produktivgenossenschaften abgesondert werden. Auch Oppenheimer (Siedlungsgenossenschaft) bezeichnet die Arbeiten der Genossenschaften, die zeitweilig öffentliche Arbeiten übernehmen, als versteckte Akkordarbeit mit Uebergehung . der Vermittler und scheidet sie aus der Zahl der Produktivgenossenschaften aus. Genossenschaften,' die sich ohne Kapital nur zum Zweck der Uebernahme gewisser, meist öffentlicher Arbelten bilden und sich dann entweder auflösen oder sich als Vorstufe zur landwirtschaftlichen Pachtgenossenschaft betrach- . ten, können zwar ihrem Werdegang nach von großem Interesse für die palästinensische Arbeiterschaft sein, aber naturgemäß keine weitere Wirkung auf die Entwicklung des Landes ausüben, da sie nur zeitweilig sich bildende, sich auflösende oder verwandelnde Gebilde darstellen. Es handelt sich meist um einzelne Genossenschaften ohne Kapital, die mehr oder weniger ungelernte Arbeiten unter Leitung eines von ihnen bezahlten Technikers oder Büros vollbringen. Dem gegenüber steht die echte Produktgenossenschaft (hier nur in Betracht gezogen, soweit sie nicht landwirtschaftlich ist). Die einzelne kleine Produktivgenossenschaft hat sich aus prinzipiellen, von Oppenheimer und anderen hinreichend dargestellten Ursachen nirgends, entwickeln können. Die Gründe Oppenheimers erweisen sich aber bei näherem Hinsehen als nicht für alle Fälle stichhaltig; unter bestimmten Voraussetzungen hält auch Oppenheimer das Gelingen der Produktlvgenossenschaften für möglich. Die Gründe für ein Versagen der Produktivgenossenschaft in den kapitalistischen Ländern -sind: Mangel an Kapital, an Kredit und Disziplin.

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