Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Neue Wege der Arbeiterschaft: Der Misrad
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 639 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Arbeiterbewegung In Palästina 639 deckt und Maß zu diesem Termin ein Gewinn von 120 äg. Pfd. vorhanden war.*) Anfang des Winters 1921/22, gerade in dem Moment, wo die Entwicklung so weit war, daß von 'einer guten Organisation, von der Heranbildung einer geübten Arbeiterschaft die Rede sein konnte, hörten die Chausseearbeiten und mit ihnen im wesentlichen die Regierungsarbeiten auf. An ihre Stelle traten, schon im Sommer 1921 vorausgesehen, die Bauarbeiten und alle ihre Nebenarbeiten; damit war der Misrad vor gänzlich neue Aufgaben gestellt. Es galt die Ueberführung der Arbeiterschaft vom Kwisch in die Stadt (allerdings wurden, freilich in viel geringerem Maßstabe, auch neue Kwischarbeiten begonnen), zu ganz neuer Form der Organisierung, zur Aufteilung der Gruppen an viele kleine Orte von Dan bis Beerschewah an Stelle der wenigen großen Arbeiten. Im Winter wurden mit der Gründung eines eignen technischen Büros in Tel-Awiw und später auch in Jerusalem und mit der Angliederung einer Tischlerwerkstätte die Vorbereitung zu dieser Arbeit getroffen. Am 1. Juni 1922 war die Umstellung des Misrad bereits wieder soweit fortgeschritten, daß dieselbe Arbeiterzahl wie 1920 erreicht war, mit dem Unterschied, daß über die Hälfte der Arheiter jetzt in Bauarbeiten beschäftigt waren, im wesentlichen in Tel-Awiw und Haifa, neuerdings auch in Jerusalem. Regierungsarbeiten sind nur noch in verschwindendem Maße vorhanden, die Kwisch- sowie Drainagearbeiten im Emek Jesreel werden, außer in Rischon le Zion-Rechowoth von der Zionistischen Organisation, vom Nationalfonds und Privatgesellschaften (Newe Schaanan in Haifa, Achusath bajit in Tiberias, Mechusre diroth in Tel-Awiw usw., alles Chausseen für Stadtviertel) unternommen. Die Bauarbeiten sind teils solche der Regierung, (Ramie, Belah, Beerschewah), teils für die neuen Stadtviertel, sowie Einzelbauten. Die Gesamtsumme der bis zum 1. April übernommenen Arbeiten betrug 322 000 Pfd. Dabei betrugen die bürotechnischen Gehaltsspesen der Zentrale 5°/o> die Spesen für die örtliche Geschäfts¬ und technische Leitung ebenfalls 5%, im ganzen also io°/0, gegenüber den durchschnittlichen Büroausgaben kapitalistischer Unternehmungen eine Ersparnis von 5°/0- Diese Ersparnis rührt zumindest teilweise von der Gehaltsersparnis her, da die Leiter des Misrad als Angehörige der Histadruth auch nur das Gehalt jedes Arbeiters beziehen. *) Die Defizite betrugen bis 1. April 1922 im ganzen 30 210 äg. Pfd., von denen 22 000 äg. Pfd. bis 1. August 1921 von der zionistischen Organisation gedeckt wurden und denen Gewinne in Höhe von 8300 äg. Pfd. gegenüberstanden. Die Zeitspanne vom 1. August bis i. April ergab einen Gewinn von 120 Pfd., also kein neues Defizit mehr. Auf der 3, Haifaer Konferenz sind keinerlei Klagen mehr Über die Unfähigkeit der Arbeiterschaft, zu organisieren, über Defizite usw. zu hören gewesen. Die Arbeiterschaft als Unternehmer hat sich, vom kapitalistischen Standpunkt aus betrachtet, „bewährt", trotz aller Mängel, die natürlich bestehen: keine gelernten Arbeiter, Mangel an Kapital, an leitenden Menschen, Mängel des Klimas, Krankheiten und*andere mehr. Schwierigste Aufgabe der Organisierung sind bewältigt worden, unter ungewohnten Verhältnissen; aber die Klagen und die Probleme hören damit nicht auf; sie setzen nur an einer ganz anderen, viel problematischeren, tieferen Stelle ein. III. Der innere Aufbau des Misrad als Genossenschaft. Was für einen Charakter trägt der Misrad vom zionistischen und sozialistischen Standpunkt aus gesehen? Handelte es sich bei ihm um einen Unternehmerbetrieb wie andere auch, so lohnte es sich nicht, in so ausführlicher Darstellung bei ihm zu verweilen. Man brauchte dann nur zu konstatieren, daß es Unternehmungen in Erez Israel gibt, die nach Ueberwindung der ungeheuren Anfangsschwierigkeiten rentabel wirtschaften. Der Misrad ist aber kein kapitalistischer Unternehmer, sondern ein in seiner Art nicht nur in Erez Israel, sondern in der ganzen Welt neuartiger Versuch. Seine Bedeutung im Lande ist sehr groß, da er heute in der Bauarbeit an der Spitze steht; in seinen Reihen arbeitet rein zahlenmäßig ein großer Teil der Gesamtarbeiterschaft und der größte Teil der organisierten Arbeiter. Kein Gewerbe ist heute in Erez Israel dem Baugewerbe mit seinen Nebenzweigen an Bedeutung für den Aufbau vergleichbar. So nimmt rein äußerlich der Misrad mit über 2000 Arbeitern den ersten Platz in Erez Israel ein. Was ist dieser Misrad "nun seiner inneren Struktur nach? Um diese nicht ganz einfache Frage zu untersuchen, bedarf es einer weiteren ausführlichen Begründung. Zunächst: der Misrad ist ein von der organisierten Arbeiterschaft eingesetztes, von ihr selbst verwaltetes Unternehmen zur Uebernahme von öffentlichen Bau- und anderen Arbeiten. Die Arbeiten werden von einer in Jahrestagungen von allen Arbeitern neu zu wählenden Leitung geführt. Die Leitung hat das Recht, geeignete Fachkräfte zur Arbeit heranzuziehen. Sie übernimmt und organisiert Arbeiten von Öffentlichen und privaten Unternehmern und errichtet zu diesem Zweck eigne Unternehmungen, wie Bautischlerei, Bauschlosserei, Steinbrüche usw. Die Arbeit vergibt sie an organisierte Gruppen auf der Grundlage" des mit den Auftraggebern geschlossenen Vertrages in Akkord. Alle Gelder werden unter Abzug eines bestimmten oder bei besonders guten Verträgen vereinbarten Prozentsatzes