Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 635 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 635 von Kräften und Ideen geben, das, statt bewußt den Fortschritt zu suchen, ihn als 1 ihr natürliches Ergebnis zeitigen wird. Bewegungsfreiheit ist eine der wesentlichen Bedingungen eines gesunden Lebens, sowohl für den Körper, wie für den Geist."***) Ein Punkt in diesem System bleibt noch klarzustellen, nämlich das Verhältnis der Gilden zum Staat, wie es in den englischen Schriften heißt, zum Gemeinwesen, wie wir zu sagen vorziehen würden. Die Gildenmänner erkennen in der Regierungsform der formalen Demokratie, unter der die Geschicke und Geschäfte des .Volkes durch das Parlament gelenkt werden, einen der schwersten Fehler der heutigen Zeit. Sie sind vom tiefsten Mißtrauen gegen den Parlamentarismus und jede auf ihn gegründete zentrale Gewalt erfüllt. „Man könnte von den gegenwärtigen Politikern nicht mehr eine Reform unserer Gesellschaft verlangen, als man von einem Börsenausschuß erhoffen könnte, daß er in der Kunst guten Geschmack wieder aufleben ließe."*) Aber immerhin bedarf die planmäßig organisierte, sozialisierte Wirtschaft eben eines Wirtschaftsplanes, durch den die Produktivkräfte des Volkes an den Stellen konzentriert werden, wo sie in erster Linie gebraucht werden. Ein Wirtschaftsplan aber muß von einer einzigen Stelle aus aufgestellt werden, die, mag sie auf parlamentarische oder irgend eine andere Weise eingesetzt werden, die Interessen der Gesamtheit vertritt. Das ist der Grund, warum kein Anhänger einer sozialistischen, d. h. organisierten Wirtschaft, mag er nicht nur weit links von der kollektivistischen Sozialdemokratie sondern auch noch so weit links vom Gildensozialismus und Föderalismus stehen, ohne ein gewisses notwendiges Minimum an Zentralismus auskommen kann. Es sind zweierlei Sachen, „Gräben zu ziehen und zu bestimmen, wo diese Gräben gezogen werden sollen; Brot zu backen und zu bestimmen, wieviel gebacken werden soll. . . Der Gildensozialist, der sich diesen Tatsachen gegenüber sieht, sagt, daß örtliche und zentrale Stellen vorhanden sein müssen."**) „In anderer Weise ausgedrückt, wird der Staat zu sagen haben, was er braucht, die Gilde wird zu sagen haben, wie es gemacht wird."***) Ob jede Gilde einzeln oder das Gemeinwesen als solches Mindestlohn, Arbeitszeit und Gesundheitsschutz, Fürsorge für Arbeitslose, Kranke und Arbeitsunfähige regeln wird, sei dahingestellt. Auf jeden Fall werden auch für die Nation in ihrer Gesamtheit alle diejenigen Fragen vorbehalten bleiben, die nicht Fragen der Produktion, sondern des nationalen Lebens sind. Aber andererseits liegt es in der Tendenz ***) Taylor, a. a. O. 71. *) Taylor, a. a. O. 87. **) Cole u. Mellor, a. a. O, S. 36. ***) Taylor, a. a. O. S. 50, des Gildensozialismus, der Zentralregierung so viel wie irgend möglich an Rechten, Pflichten und Macht zu entziehen, um sie entweder den Gilden oder den örtlichen Selbstverwaltungskörpern zu Übertragen. Denn gerade durch diesen Dezentraiismus soll die Freiheit zu einem integrierenden Bestandteil der sozialistischen Lebensgestaltung werden. * * * Der englische Gildensozialismus zeigt in vielen und wesentlichen Punkten eine zum Teil recht weitgehende Uebereinstlmmung mit den Sozialisierungsplänen, die nach dem Jahre 1918 in Deutschland und Deutsch- Oesterreich entstanden sind. Aber er bietet auch in der Form gewisser charakteristischer Abweichungen für alle Anhänger der Gemeinwirtschaft eine Anzahl von Anregungen, die, soweit man es von hier aus beurteilen kann, vielleicht auch für den sozialistischen Palästinaaufbau von Bedeutung sein können. Der Gildensozialismus entstand in England, nachdem in den Jahren 1900—1910 die englische, Arbeiterschaft eine immer größer werdende Zahl parlamentarischer Siege errungen und eine Reihe von sozialen Reformen erreicht hatte, mit dem Erfolg, daß die Lage der Arbeiter nicht besser sondern eher schlechter wurde. Dieser handgreifliche Beweis für die Nutzlosigkeit der bisherigen Taktik machte die englische Arbeiterschaft geneigt, ihre Aufmerksamkeit syndikalistischen Ideen zuzuwenden. Der Gildensozialismus nun ist der Versuch, Kollektivismus und Syndikalismus zu verschmelzen. Daraus erklärt es sich, daß in ihm so starke Elemente des freiheitlichen Sozialismus eine Rolle spielen. Dieser föderalistische Grundzug ist es aber, der ihn gerade für uns interessant macht. Denn es kann bei näherer Betrachtung kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß auch in der palästinensischen Arbeiterschaft ein starker Zug zum föderalistischen Sozialismus lebendig ist. Die wichtigste und in ihrer Einfachheit fast genial zu nennende Idee des Gildensozialismus ist der Plan, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft nicht auf der Partei sondern auf der Gewerkschaft zu begründen. Die Partei ist eine Zusammenfassung von Menschen, die das gleiche Ziel für die Zukunft im Auge haben. Sie ist darum immer ein mehr oder minder lockeres Gebilde, stets der Gefahr neuer Spaltungen und Differenzierungen ausgesetzt und kaum je in der Lage, mit benachbarten Parteien, mit denen man sehr wohl ein Stück Wegs zusammengehen könnte, reibungslos zusammen zu arbeiten. Im Gegensatz dazu ist das innere Leben der Gewerkschaft von einer erfreulichen Neutralität erfüllt. Das macht, daß ihr Bindungsmittel die Solidarität der , Arbeiterklasse bildet. Diese aber ist ein festerer und verläßlicherer Baugrund, als die Utopie, auf der die Partei 41*