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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 636

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Sozialismus
Date
1921-01-01
Page
636 (sequence 7)
Language
German
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636 Umschau: Sozialismus beruht. Die Idee des Gildensozialismus besteht nun darin, die Wirtschaft des Gemeinwesens von den Gewerkschaften aus allmählich einer sozialistischen Regelung zu unterwerfen, Allmählich, das heißt nicht, bald hier, bald dort einen Versuch zur sozialistischen Umwandlung irgend eines Betriebes zu machen, sondern die (in allen Fällen beschränkten) Mittel der Arbeiterschaft von den Gewerkschaften aus nacheinander auf die einzelnen Gewerbezweige eines Landes zu konzentrieren. Der Gildensozialist wird nicht heute eine Schusterkooperative und morgen eine landwirtschaftliche Produktiv-Genossenschaft vom Stapel lassen, sondern er wird zuerst alle Kräfte auf die Sozialisierung der Landwirtschaft und dann erst auf die Bekleidungsindustrie richten. Die Idee der Gemeinwirtschaft kann im Grunde nur eine derartige Sozialisierung anerkennen, die mit einem Schlage alle Wirtschaftszweige des betreffenden Wirtschaftsgebietes für die sozialistische Regelung erfaßt. Aber der Gildensozialismus, der das Wirtschaftsgebiet nicht ' regional sondern fachlich aufteilt, zeigt eine Möglichkeit, ein System der allmählichen schrittweisen Sozialisierung auszubauen, das im Gegensatz zu den mißglückten staatskapitalistischen Versuchen Mitteleuropas an das Endziel der vollen Sozialisierung heranführt. Der Ausbau eines solchen Systems wäre für uns von um so größerer Wichtigkeit, als wir ein solches System infolge der besonderen Verhältnisse Palästinas für die Landwirtschaft in den. Siedlungen der Arbeiterschaft bereits besitzen, das eben der Ergänzung nach der industriellen Seite hin bedarf. Die Grundidee eines solchen Systems müßte die sein, daß zuerst die Arbeiterschaft von den Zweigen des wirtschaftlichen Lebens Besitz ergreift, die die Erzeugung der notwendigsten Güter des täglichen Lebens umfassen: Nahrung, Kleidung und Wohnung. Die Produktion von Kleidung und Wohnung zeichnet sich dadurch aus, daß in ihr das Verhältnis des eigentlichen, festen Betriebskapitals zu dem für die laufenden Ausgaben verwandten ein verhältnismäßig kleines ist. Daher rührt der günstige Umstand, daß sich gerade diese Gewerbe zu Versuchen für die eigene Initiative der Arbeiterschaft besonders eignen. Und in der Tat sind auch gerade auf diesen Gebieten anderswo Versuche im Sinne des Gildensozialismus bereits unternommen worden.*) Es wäre also in Palästina sehr wohl eine Entwicklung denkbar, die, aufgebaut auf einer Föderation der landwirtschaftlichen Siedlungen der Arbeiter- *) Vergl. z. B. Otto Neurath, Entstehung und Gliederung der Baugilde Oesterreichs, „Die Glocke" VIII. Jahrg. Nr. 3, Berlin 22; ferner A. T. Penty, Gilden, Gewerbe u. Landwirtschaft, Schriften d. engl. Gildenbewg. II. Tübingen 1922 S. 48 ff. schaft, zunächst die Produktion von Nahrung, Kleidungund Wohnungen einer sozialistischen Regelung unterwirft und zum mindesten denen, die es wollen, die Möglichkeit bietet, ihre primitivsten Bedürfnisse in einer sozialistischen Wirtschaftssphäre zu befriedigen: ein Stück lebendiger und in sich geschlossener sozialistischer Wirtschaft im Lande, die in ihrem eigenen Kreise in den wichtigsten Erzeugnissen von der Außenwelt unabhängig und damit auch in schwierigen Verhältnissen lebensfähig ist. Dieser Gedanke der wirtschaftlichen Unabhängigkeit führt uns dazu, zum Schluß noch hervorzuheben, daß die Autarkie als erstrebenswertes Ziel überhaupt eine wichtige Rolle im Ideenkreis der Gildensozialisten bildet. So argumentiert z, B. Penty*) etwa folgendermaßen: Die Länder Europas, und besonders Industrieländer wie England, haben bisher Rohstoffe sowohl zur Ernährung der inländischen Bevölkerung wie zur Veredlung aus den Agrarländern eingeführt und diesen die veredelten Produkte ihrer Industrie dafür zum Austausch gegeben. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die durch den letzten Krieg gewaltig beschleunigt ist, hat dazu geführt, daß diese Agrarländer in weitgehendem Maße sich industrialisiert haben, ihre Rohstoffe selbst veredeln, die notwendigen Fertigfabrikate selbst erzeugen, das heißt, sie haben die Einfuhr industrieller Erzeugnisse und somit die Ausfuhr ihrer Agrarprodukte nicht mehr nötig. Für ihre bisherigen Lieferanten, die Industrieländer, bleibt keine andere Wahl, als zu versuchen, die Landwirtschaft neu zu beleben, ihre Erträgnisse zu steigern und nach möglichst weitgehender Selbstversorgung zu streben. „Vom kaufmännischen Standpunkte aus macht es wenig aus, ob eine Bevölkerung an der Erzeugung von Nahrungsmitteln oder von Kraftwagen arbeitet. Vom völkischen Standpunkt aus aber macht das den größten denkbaren Unterschied; denn die Erzeugung von Nahrungsmitteln sichert die Zukunft des Volkes, während die von Kraftwagen es nicht tut/4**) Und wir können mit Hinblick auf Palästina hinzufügen: Sie sichert für die Zukunft des Volkes nicht nur die Deckung seiner materiellen Bedürfnisse, sondern darüber hinaus durch die damit verbundene innige Verknüpfung mit m der Natur die zukünftige Gesundheit und Stärke seiner nationalen Lebenskräfte. Mit Rücksicht darauf ist das Streben nach möglichst weitgehender Selbstversorgung als leitender Gedanke des wirtschaftlichen Aufbaus von besonderer Wichtigkeit für ein Volk, das daran geht, die Idee der Renaissance in die Wirklichkeit umzusetzen. Rudolf Samuel *) A. A. O. besonders S. 8 ff. und 55 ff. **) A. a. O. S. 56.

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