Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 634 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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634 Umschau: Sozialismus beruhende Massenfabrikation die Produktion erhöhend» Ein Beschluß der landwirtschaftlichen Gilde würde zweifelsohne dahin gehen, den Anbau von Pflanzen, die für die Bier- und Schnapsgewinnung bestimmt sind, zu Gunsten des für die BroterzeugungNotwendigen einzuschränken. Denn nicht mehr der Profit des Einzelnen, dem Brauereien und Brennereien höhere Summen bezahlen oder der Aktien dieser Unternehmungen besitzt, sondern der Nutzen der Gesamtheit ist Richtschnur des Gildenkongresses. Der Umbau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Gildensystem ist keine so phantastische und schwierige Aufgabe, wie es im ersten Augenblick erscheinen könnte, denn die Anfänge sind heute schon vorhanden: Die Gewerkschaftern sind es, aus denen die Gilden hervorgehen sollen. Sie erfüllen schon heute manche der Aufgaben, die früher im Bereich der Betätigung der Gilden lagen, z. B, Regelung der Löhne und Arbeitszeiten nach außen, gegenseitige Unterstützung in Krankheits- und Unglücksfällen und manches andre nach innen, ebenso wie statistische Erhebungen und andere Vorbereitungen zwecks späterer Übernahme des Industriesystems durch die Arbeiterschaft. In gleicher Weise wie die Gilden sind sie freiwillige Zusammenschlüsse der Produzenten. Der wichtigste Unterschied, der es ihnen zugleich unmöglich macht, bereits heute regelnd In das Industriesystem einzugreifen, von den rein negativen Schutzmaßnahmen zu Gunsten der wirtschaftlich schwächeren Elemente der Gesellschaft zum positiven sozialistischen Aufbau überzugehen, ist der Umstand, daß sie sich nicht, wie die alten Gilden, im ausschließlichen Besitz der Privilegien für die Produktion befinden. In der Blütezeit der Gilden, als> ihr System noch nicht durch den Territorialstaat durchbrochen und vernichtet war, hatten nur die Gildenmitglieder das Recht, die Produktion zu vollziehen. Diese Privilegien gerade ermöglichten es ihnen, die Produktion zu lenken und die Preise und Güte der Waren festzulegen, Denn wer sich ihren Anforderungen nicht fügte, dem wurde die Möglichkeit der Produktion überhaupt genommen. Den zu Gilden erweiterten Gewerkschaften den Vollzug der Produktion wieder in seiner Ganzheit zu übertragen, muß daher der erste Schritt zur Verwirklichung des Gildenstaates sein. Allerdings bedarf der Umbau der Gewerkschaften zu Gilden einer inneren, vielleicht nicht kampflos vorzunehmenden Umgruppierung der Gewerkschaften selbst „Wenn nun eine Gilde daran geht, einen Wirtschaftszweig ihrer Herrschaft zu unterwerfen, dann muß sie vor allem die proletarischen Kräfte dieses Wirtschaftszweiges zusammenfassen, soweit sie aktiv in ihm tätig sein können. Sie wird also nicht im Sinne der alten Berufsgruppierung, sondern im Sinne der neuen Betriebsgruppierung verfahren. Der Kistentischler in einem Bergwerk müßte daher zur Bergbau-Gilde gehören, der Bergmann in einem Bergwerk, das unmittelbar und ausschließlich für einen Maschinenbetrieb liefert, zur Maschlnengilde.**) Der erste Leitgedanke des Gildensozialismus ist also, die Produktion in die Hände der für diesen Zweck neu organisierten Arbeiterschaft zu legen. Die Ordnung und Planmäßigkeit, deren die sozialistische Wirtschaft bedarf, um unter Ausschaltung aller inneren Reibungen der chaotischen kapitalistischen Wirtschaft die Produktion zu vervielfältigen, ist damit ohne weiteres gewährleistet. Wie aber steht es mit der Einordnung des freiheitlichen Prinzips in das gebundene Wirtschaftssystem? Diese wird dadurch garantiert, daß der zweite und ebenso wichtige Leitgedanke des Giidensystems in den Grundsätzen der Selbstverwaltung und Dezentralisation besteht „Keine%Gilde sollte größer sein, als die kleinste denkbare Einheit, die erforderlich ist, damit in dem betreffenden Gewerbs- oder Betätigungszweig etwas geleistet wird/***) Und ferner: Die Gilden sollen völlige Freiheit haben, die ihnen gestellten Auigaben nach den Methoden zu lösen, die sie selbst für die richtigsten halten. Denn der Gildensozialist fragt mit Recht, ob Irgend eine zentrale Bürokratie denen, die die Produktion selbst vollziehen, über die Art und Weise des Vollzuges etwas Besseres und Genaueres sagen könnte, als diese schon wissen. Die Verwaltungsbeamten des bürokratischen Systems könnten im besten Fall Fachleute zu Rate ziehen. Die Gilden aber verfügen nicht nur über einige, sondern über alle vorhandenen Fachleute. Und in den Bereich ihrer Beschlüsse fallen nicht Fragen, wie „die beste Regierung für die Hottentotten", sondern nur solche, für die jeder selbst Sachkundiger ist Die Prinzipien der Dezentralisation und Selbstverwaltung sollen also den Spielraum für die Betätigung der persönlichen Initiative abgeben. Die Arbeiterschaft irgend eines Betriebes z. B, wird nicht durch die Befehle vom grünen Tische einer Zentralregierung, sondern durch Männer, die sie selbst im Vertrauen auf ihre Tüchtigkeit und Sachkenntnis dazu bestimmt hat, geleitet. Die Folge davon wird zweifelsohne eine überaus große Mannigfaltigkeit in der inneren Struktur der Gilden sein. Vielleicht nicht zwei werden einander gleichen. So bedroht der Gildenstaat uns nicht mit der trostlosen Einförmigkeit des zentralistischen Kollektivismus, die jede freie Regung und jede individuelle Betätigung erstickt In der Mannigfaltigkeit der Gilden werden wir „gerade das finden, was wir suchen. Da wird es jenes Ineinanderspielen *) Otto Neurath, Von der Gewerkschaft zur Gilde. Zeitschrift „Die Glocke", Jhrg. VIII x, Berlin 1932. **) Taylor, a. a. 0. S. 44,