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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 633

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Sozialismus
Date
1921-01-01
Page
633 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Sozialismus 633 verschönert waren, von denen jedes Stück ein Kunstwerk für sich war. Die Münster, die in großem Stil entworfen und verschwenderisch geschmückt waren, hoben ihre Glockentürme gen Himmel und verrieten eine Reinheit der Form und eine Kühnheit der Phantasie, die wir jetzt vergebens zu erreichen streben, die Handwerke und Künste hatten sich zu einer Höhe der Vollendung erhoben, die übertroifen zu haben wir uns nach verschiedenen Richtnngen schwerlich rühmen können, wenn das erfindungsreiche Können des Arbeiters mehr gilt als die Geschwindigkeit der Fabrikation. In weiten Länderstrecken war der Wohlstand an Stelle des Elends getreten. Die Bildung war in die Tiefe und Breite gegangen. Die Methoden der Wissenschaft waren ausgebildet worden, der Grund zur Naturwissenschaft war gelegt worden, und der Weg war geebnet für alle die mechanischen Erfindungen, auf die unsere eigene Zeit so stolz ist."*) Der Gildensozialismus ist ein System, das die wirtschaftliche Harmonie des zentralistischen Kollektivismus mit dem Freiheitswillen des Individualismus bewußt versöhnen will, „Die bürokratischen Reformen, die sich mit nichts als mit. der materiellen Seite des Lebens abgeben, glauben an eine Gesellschaft von lauter wohlgenährten, gut gekleideten, in hübschen Häusern wohnenden menschlichen Maschinen, die alle für eine noch größere Maschine, den Staat, arbeiten; der Individualist brachte den Menschen die Alternative, im Vollbesitz der sogenannten bürgerlichen Freiheit zu verhungern. Die wahre Freiheit, die der Sinn des neuen Sozialismus ist, verlangt für den Menschen Handlungsfreiheit u n d Sicherung vor wirtschaftlicher Not. ... Es genügt nicht, das entwürdigende Verhältnis zwischen Lohnsklaven und Privatunternehmer aufzuheben. Auch der Staatssozialismus hält den Arbeiter in einer Knechtschaft, und diese wirkt nicht weniger verbitternd, weil sie unpersönlich ist.«**) Er hat nun erkannt, daß die mittelalterliche Wirtschaft eine solche Verknüpfung von Gebundenheit und Freiheit darstellt. Denn in diesem mittelalterlichen System wurden die Regeln, die ordnend in die Beziehungen der Menschen eingriffen, nicht von einer übergeordneten Zentralgewalt aufgestellt, sondern von den Menschen selbst festgesetzt, die sich ihnen unterwarfen. „Gleichviel, ob wir seine Schönheit und Gesundheit lieben oder nicht, das Mittelalter hatte in seinen Hauptzügen eine Symmetrie der Ordnung, die es sehr deutlich von der Gesellschaftsordnung oder -Unordnung unterscheidet, die uns heute beherrscht. Es war ein System, das wenig von den „Gesetzen" und politischen Ideen wußte, die die Ge- *) Kropotkin, Gegenseitige Hilfe, S. i92. **) Cole u. Mellor, Gildensozialismus, Rheinlandverlag 1921. S. 4. Heft 10 meinplätze unseres heutigen öffentlichen Lebens sind."*) »Der entscheidende Unterschied zwischen dem alten und dem neuen System ist, daß dieses versucht, vom Mittelpunkt aus zu regieren, anstatt das den Örtlichen Teilen zu überlassen. Seit dem Mittelalter hat eine dauernde Schwächung der Örtlichen Macht stattgefunden und ein noch rascheres Wachstum der zentralen, politischen Organisation.«**) Natürlich denkt der Gildensozialismus nicht daran, das mittelalterliche System zu kopieren und mit allen Einzelheiten zu neuem Leben zu erwecken. Die Verhältnisse haben sich seit der Unterdrückung der freien Städte des Mittelalters zu sehr geändert. Die Zahl der Menschen, die ernährt, bekleidet und behaust werden müssen, ist ungeheuerlich. gestiegen, und ihre Bedürfnisse sind gleichfalls größer und vielfältigergeworden. Es kann keine Rede davon sein, zum Mittelalter und seiner handwerklichen Technik zurückzukehren. Nur die moderne Technik ist imstande, die Bedürfnisse der heutigen Menschen zu befriedigen. Aber was der Gildensozialismus will, ist, die Leitgedanken des sozialistischen Aushaus dem mittelalterlichen System zu entnehmen und sie in einer modifizierten, den heutigen Verhältnissen angepaßten Form auf die Gegenwart zu übertragen. Die hauptsächlichsten Leitgedanken des Gildensystems sind die folgenden: Es will zunächst die Produktion, ihre Leitung und Regelung in die Hände der Menschen legen, die sie wirklich vollziehen. Die soziale Ordnung soll aufgebaut werden auf der Gilde, das heißt der Zusammenfassung aller der Menschen, die in dem gleichen Berufe tätig sind „Der Schlüssel zum sozialen Bau unter dem Gildensystem ist Organisation auf der Grundlage der Aufgab enerfüllung, die Bürger werden organisiert in den Gruppen ihrer Berufe und Tätigkeiten." ***) Jede Industrie eines Landes würde also durch eine Gilde (die sich natürlich regional in kleinen Einheiten aufteilt) betrieben werden. Diese würde die selbstverantwortliche Leitung des betreffenden Industriezweiges übernehmen. Ihr Beschluß wäre es, der Ordnung in die Produktion und damit Leistungssteigerung bringen würde. Die Textilgilde z. B. würde beschließen, daß nicht mehr jede Fabrik, wie es heute um der Konkurrenz und des Absatzkampfes willen notwendig ist, alle möglichen Sorten von Garnen herstellt, sondern auf Grund des Gildenbeschlusses würde jede Fabrik zur Massenherstellung von nur einer Garn-Nummer übergehen, durch diese auf Arbeitsteilung von Werk zu Werk - 0 *) G. R. Stirling Taylor, der Gild^nstaat. Schriften der englischen Gildenbewegung I. Tübingen 1921. S. 11. **) Ebenda, S. 16. ***) Ebenda, S. 23. 41

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