Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 632 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Umschau: Sozialismus Führer der Freiheitsbewegung. In diesem Sinne sollen wir an ihn denken. 2. Gildensozialismus Wenn die sozialistische Bewegung im Zionismus im Ernst daran denkt, in Palästina ein Gemeinwesen aufzubauen oder vorzubereiten, das auf einer anderen wirtschaftlichen Basis als der des kapitalistischen Systems ruht und darum mehr als dieses das Aufblühen gesunden jüdischen Volkslebens gewährleisten kann, so werden für sie eine große Anzahl von Problemen akut, die von ungeheurer Tragweite sind. Nämlich alle die Probleme der inneren Struktur des sozialistischen Gemeinwesens. Die Grundlage jeder sozialistischen Umformung der Wirtschaft ist die Steigerung der Produktion. Die sozialistische Wirtschaft will das Existenzminimum eines jeden Menschen sicherstellen, das heißt, ihm diejenigen Gebrauchsgüter geben, die seine Bedürfnisse — Nahrung, Kleidung, Wohnung usw. — befriedigen. Die Produktivkräfte des heutigen Wirtschaftssystems reichen aber auch bei einer anderen Form der Verteilung nicht aus, allen Menschen ein auch nur halbwegs menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Sondern es ist die notwendige Voraussetzung der sozialistischen Wirtschaft, die Erzeugung zu vervielfältigen. Das kann aber nur geschehen, wenn die heutige wilde Wirtschaft, in der jeder Einzelne nach eigenem Ermessen irgend etwas, Nützliches oder Unnützes,, Gebrauchtes oder Ueberflüssiges, erzeugt, durch " _ein Wirtschaftssystem abgelöst wird, in dem planmäßig unter Zusammenfassung und Ausnutzung aller Produktivkräfte durch die Gesamtheit das produziert wirdj^ was die Gesamtheit braucht. An dieser Stelle würde es zu weit führen, darzulegen, wie sehr die Produktion durch eine durchgreifende Organisierung des unwirtschaftlichen kapitalistischen Systems gesteigert werden könnte. Aber eins ist sicher: Jedes sozialistische Wirtschaftssystem, wie es auch immer im einzelnen aussehen mag, wird ein System der gebundenen Wirtschaft sein. Organisierung, wo immer sie auch auftritt, kann die Kräfte der Einzelnen nicht nur addieren sondern potenzieren; aber sie muß anderseits von dem Einzelnen Unterordnung unter den Gesamtplan verlangen und ihn so in der Freiheit seines Handelns beschränken. Hier liegt das schwerste Problem des Sozialismus. Denn Freiheit ist eine der stärksten und wirkendsten Kräfte des menschlichen Lebens. Nur im Reiche der Freiheit können starke Menschen mit starken Impulsen und starken Energien entstehen, nur in der Freiheit kann Selbstverantwortlichkeit wachsen und dieFreiheitbeschränken heißt alles Schöne des Lebens verjagen und alle kulturellen Regungen töten. Die freie Inlative des Einzelnen in die organisierte Wirtschaft einzuordnen, ist aber das zentrale Problem des sozialistischen Palästinaaufbaus, wie es das Problem des Aufbaus jedes sozialistischen Gemeinwesens ist. Nur für ups aus vielen Gründen vielleicht noch ein wenig mehr wichtig und brennend. In diesem Zusammenhange ist es interessant, eine neue Form der sozialistischen Bewegung zu betrachten, die in England, dem Lande der ältesten demokratischen Freiheitsrechte, gerade aus diesen Problemen heraus entstanden ist: den Gildensozialismus. Der Gildensozialismus geht davon aus, daß es bereits einmal eine Zeit gegeben hat, in der die europäische Wirtschaft eine gebundene war, nämlich das europäische Mittelalter. Die Wirtschaft der mittelalterlichen Stadt beruhte nicht auf dem einzelnen wirtschaftenden Subjekt, sondern auf der Zunft und der Gilde. Die Zunftordnung beschränkte die wirtschaftliche Tätigkeit des einzelnen Handwerkers. Sie sicherte ihm den Absatz seiner Erzeugnisse, indem sie ihm einen bestimmten Kundenkreis zuwies, in den kein Konkurrent eindringen konnte. Aber auch er wiederum durfte nicht seinen Betrieb beliebig vergrößern und den Absatz anderer Meister an sich reißen, sondern mußte sich mit dem einmal zugewiesenen Kundenkreis und der vereinbarten Anzahl von Gehilfen und Lehrjungen begnügen. Nimmt man dazu noch die von der Zunft als Vertretung der Produzenten und der Stadt als Vertretung der Konsumenten gemeinsam festgesetzten Preise, die nicht überschritten werden konnten, so sieht man, daß die Beschränkungen der mittelalterlichen Wirtschaft, gemessen an der heutigen völlig freien und willkürlichen Individualwirtschaft, außerordentliche waren. Aber die Zeit dieser gebundenen Wirtschaft, die die Konkurrenz ausschloß, die die wirtschaftliche Tätigkeit aüf die Deckung des Bedarfs lenkte und ihre Ausübung als ein von der Gesamtheit übertragenes Amt betrachtete, war eine Zeit, die nicht durch Hast und Nervosität und Zerrissenheit sondern durch eine größere Fülle von Muße und Behagen im menschlichen Leben gekennzeichnet ist. Und zugleich eine Zeit, in der die kulturelle-Blüte zu Höhepunkten erwuchs, die wir heute kaum erreichen, und vor allem, und dies ist wohl auch der Grund dafür, in der Kultur nicht nur Vorrecht einer kleinen Schicht war, sondern Allgemeingut aller. „Im Anfang des 11. Jahrhunderts waren die Städte Europas kleine Nester mit elenden Hütten, die nur mit niedrigen, plumpen Kirchen versehen waren. Die Handwerke, hauptsächlich etwas Weberei und das Schmiedehandwerk, standen in ihrer Kindheit; Bildung fand sich nur in ein paar Klostern. 350 Jahre später war das Aussehen ganz Europas verändert. Das Land war mit reichen Städten übersät, die von gewaltigen dicken Mauern umschlossen waren, die durch Türe und Tore