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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 631

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Sozialismus
Date
1921-01-01
Page
631 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Sozialismus 631 Reibungen, arbeitet und daß der persönliche Vorteil des Unternehmers und nicht der größte Nutzen für die Gesamtheit die leitende Idee der Produktion bildet. Er sah die Verschwendung an Stoffen und Energien, die diese Prinzipien in den einzelnen Betrieben bewirken müssen. Er zeigte die ungeheuren Möglichkeiten einer Produktionssteigerung, wenn es gelingt, - die gesamte Wirtschaft planmäßig zu regeln, die verschiedenen Gewerbe und Industrien in großen Verbänden zusammenzufassen und den gegenwärtigen Kampf in Gemeinsamkeit der Arbeit zu verwandeln, wenn dann alle die Kräfte für produktives Schaffen frei gemacht werden, die heute der gegenseitige Kampf der Firmen um den Absatz absorbiert, und wenn nicht um des privaten Profites willen Stoffe und Energien dazu verwandt werden, all den Schund und Tand zu produzieren, der heute den Markt überschwemmt, sondern wenn im Anschluß an den wirklichen Bedarf das Notwendige hergestellt wird. Wirtschaft darf nicht mehr Sache des Einzelnen sein, die Gemeinwirtschaft muß regelnd und organisierend eingreifen, um im Interesse aller die Produktion zu steigern und so die Grundlage zu bekommen, um die proletarischen Verhältnisse zu beseitigen. Der Grundsatz des gemeinsamen Handelns hat heute schon große Gebiete des menschlichen Lebens ergriffen. Von der Wirtschaft aber „wird ungeprüft als ausgemacht angenommen, daß sie, von der unser Wohlstand und Gedeihen, unsere Zivilisation und Geltung abhängt, nicht anders als zügellos, auf dem Boden des freien Wettbewerbs und bürgerlichen Kampfes bestehen könne. Daß auch sie der planvollen Ordnung, der bewußten Organisation, der wissenschaftlichen Durchdringung und der solidarischen Verantwortung fähig ist, daß sie unter diesen ordnenden Kräften und Gesetzen das Vielfache von dem zu leisten vermag, was heute der ungeregelte Kampf aller gegen alle erpreßt, daß sie reibungslos und frei von giftigen Konflikten, ohne Spekulation auf törichte Instinkte und ohne Belohnung für Gerissenheit sich auf das Wichtige und Notwendige zu konzentrieren lernt, daß sie den unteren Schichten nicht ewige Fehde, sondern freie Mitarbeit zu bieten hat, das wird die Betrachtung des neuen Aufbaües erweisen«*). Es ist hier nicht der Platz, Rathenaus Pläne und Vorschläge für die Umformung und den Neuautbau der Wirtschaft im einzelnen darzulegen und zu besprechen. Er hat dem Gedanken der gemeinsamen Wirtschaft zu viel gegeben, als daß es auf engem Raum geschildert werden könnte. Es war ein seltener Glückszufall, daß eine Person die konstruktive Denkungsart des Technikers verband mit der genauen Kenntnis der Wirtschaft und dem Willen, für den Aufbau einer besseren Welt zu wirken. Das ist der Grund, warum es keine platte und banale Phrase ist, wenn wir wiederholen, was so oft in diesen Tagen ausgesprochen wurde: daß der Tod dieses Mannes ein beinahe unersetzlicher Verlust ist. Rathenau hat nicht nur, wie in einer zionistischen Zeitung zu lesen stand, sein Judentum niemals verleugnet, sondern weit darüber hinaus war er, so paradox es klingen mag, durch und durch eine jüdische Persönlichkeit. Der revolutionäre Drang nach Freiheit und Menschenwürde, der seinen Willen auf die Umgestaltung der heutigen Zustände richtete, war der gleiche, den wir bei so vielen jüdischen revolutionären Menschen finden. Sein Sozialismus war nicht der des deutschen Gewerkschaftsbeamten; trotz der rein rationellen Form, in der er sich äußerte, war er allein aus der Idee der Sittlichkeit geboren, war die innere ^Notwendigkeit eines Menschen, in dem die Triebkräfte eines uralten Kulturvolkes wirkten. „Wollen wir die Befreiung der Unfreien", sagt er, „so bedeutet dies nicht, daß wir irgend eine Güterverteilung an sich für wesentlich, irgend eine Abstufung der Genußrechte für wünschenswert, irgend eine Nützlichkeitsformel für entscheidend halten. Es handelt sich weder darum, die Ungleichheiten des menschlichen Schicksals und Anspruchs auszugleichen, noch alle Menschen unabhängig oder wohlhabend oder gleichberechtigt oder glücklich zu machen; es handelt sich darum, an die Stelle einer blinden und unüberwindlichen Institution die Selbstbestimmung und die Selbstverantwortung zu setzen, dem Menschen die Freiheit nicht aufzuzwingen, sondern ihm den Weg zur Freiheit zu öffnen. Welche menschlichen und sittlichen Opfer dies fordert, ist gleichgültig, denn es wird nicht Nützlichkeit und Vorteil erstrebt, sondern göttliches. Gesetz, Würde durch dieses Gesetz die Summe des äußeren Glückes auf Erden vermindert, so verschlüge es nichts. Würde der Weg der - äußeren Zivilisation und Kultur verlangsamt, so wäre das nebensächlich. Wir werden ohne Leidenschaft erwägen,* ob diese Nachteile eintreten; wenn es nicht geschieht, so ist das keine Anpreisung oder Ermunterung für unseren Gang. Denn der bedarf keiner Ueberredung und keiner Versprechung; im Sichtbaren will ihn die Würde und Gerechtigkeit unseres Daseins und die Liebe zum Menschen, im Jenseitigen will ihn das Gesetz der Seele." *) Der Zionismus ist ein Teil jener großen Bewegung, die in so vielfältigen Formen als Sozialismus, Pazifismus u. s. f. eine neue Menschheit und neues Menschentum erstrebt. Denn auch er will Unrecht ausgleichen, Wahrhaftiges an die Stelle des Verlogenen setzen und das Seiende zum Seinsollenden J gestalten. Walther Rathenau war kein Zionist. Aber er war ein jüdischer Kämpfer und - *) Ebenda, S. 27. *) Von kommenden Dingen, S. 68.

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