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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 629

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1921-01-01
Page
629 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Von der zweiten Generation in Palästina 629 sich im Verkehr mit den Erwachsenen keinerlei Zurückhaltung aufzuerlegen braucht und das Gespräch an sich reißen kann. Es mag sein, daß unsre Theoretiker der „freiheitlichen" Erziehung insofern Recht behalten werden, als der Wesenskern unsrer Kinder sich wirklich als gesund und gut erweist und sie schließlich zu tüchtigen, vielleicht sogar zu originell schöpferischen Menschen sich entwickeln läßt, aber ob die vorher gekennzeichnete Behandlung diese Entwicklung wirklich fördert und nicht vielmehr gefährdet, bleibt für alle fraglich, die von der durch einen überlegenen Verstand geleiteten Disziplinierung des jugendlichen Willens die höchste Produktivierung der menschlichen Kräfte erwarten. Die Bejaher der Disziplin werden auch das von jüdischen Eltern oft angeführte Argument nicht gelten lassen, man dürfe des Kindes Lebensfreude durch keinen Zwang stören, denn sie meinen, daß das Kind sich unter einem gewissen Zwang zu einem im großen wie im kleinen geordneten Leben wohler fühlt als in einem regellosen, durch kein Bewußtsein erfüllter Pflichten erhobenen Dasein. Es muß natürlich zugegeben werden, daß wir noch weniger als alle anderen Erzieher der Welt das Recht haben, unsere Kinder nach einem im voraus gestalteten Bilde zu formen. Wir alle tragen in uns Züge des europäischen Volkes, unter dem wir aufgewachsen sind; wir alle haben einen Teil unsrer Entwicklung zu einer Zelt genommen, als das Gewissen der Menschheit noch nicht in so furchtbarer Weise aufgerüttelt war, wie es Im letzten Jahrzehnt geschehen ist. Wir müssen aufs sorgfältigste in sie hineinhorchen und alle Spuren eines neuen Menschentums in ihnen pflegen. Vorausgesetzt — und dies scheint mir das Entscheidende für unsren besonderen Fall — daß wir nach reifer Ueberlegung in diesen frischen Wesensspuren eine gemeinschaftbildende Kraft erkennen. Ist das nicht der Fall, sehen wir in der Eigenart unsrer Kinder Elemente, die in der Richtung einer Auflösung der Gemeinschaft wirken müssen, so haben wir die Pflicht, auf eine Unterdrückung dieser Elemente hinzuarbeiten. Für unsere besondere Lage hat ja die dem Kinde alles gestattende Behandlung, die fälschlich von manchen Eltern und Lehrern als „Respektierung der kindlichen Individualität" erklärt wird, eine besonders bedenkliche Seite. Wir wissen aus der Erfahrung der Generationen, daß unser Schicksal als Volk immer wieder daran gescheitert ist, daß individuelle Gruppen einer Unterordnung unter den Gesamtwillen des Volkes widerstrebten. In Palästina haben wir ein Werk begonnen, das nur gelingen kann, wenn dieser Mangel an Unterordnung behoben wird, wenn die aus allen Kulturen der Welt zusammenströmenden Elemente den Willen haben, ihre Eigenart in einer neuen gemeinsamen Wesensart aufgehen zu lassen, und wir erhalten Tag für Tag Beweise, daß wir von solcher Gemeinsamkeit noch weit entfernt sind. Gleichzeitig ist unser Werk von solcher An, daß es von jedem Einzelnen Anpassung an die größten Schwierigkeiten und härtesten Lebensbedingungen fordert. Und wir sagen uns, daß nur ganz starke seelische Disziplin die Erfüllung dieser Forderungen, die für uns Sein oder Nichtsein bedeuten, ermöglichen kann. Wenn wir aber unsere Kinder an ein ungehemmtes Nachgeben an alle Regungen ihres Wesens gewöhnen, so müssen wir uns fragen, ob sie später den ungewöhnlichen Anforderungen, die das Leben an ihre Selbstlosigkeit stellen wird, werden genügen können. Ja, beim Anblick eines großen Teiles unserer palästinensischen Jugend wird es uns sogar fraglich, ob diese auch nur imstande sein wird, zu leisten und zu opfern, was ihre Eltern für ihre Idee geleistet und geopfert haben. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: die jetzige Generation der Eltern in Palästina ist daran erstarkt, daß sie sich und ihre Idee gegen eine Welt von äußeren Widerständen zu verteidigen hatte. Unsere palästinensische Jugend hat — fast möchte man sagen: das Unglück, von Anfang an am Ziel zu sein und sich in den entscheidenden Fragen im Einklang mit ihrer Umgebung zu finden. Fällt nun auch in den Dingen des täglichen Lebens jeder Widerstand fort, so erhält der jugendliche Wille gar keine Gelegenheit, sich im Kampfe zu stählen. Eine Regulierung der Übertriebenen Anschauungen könnte in die palästinensische Jugenderziehung nur dann hineinkommen, wenn eine Anzahl erfahrener, kluger Erzieher herkäme, die es sich gemeinsam zur Aufgabe

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