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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 628

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1921-01-01
Page
628 (sequence 3)
Language
German
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628 Bemerkungen: Von der zweiten Generation in Palästina Gehaltsforderung abhängig zu machen und nicht von dem Grade seiner Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Unfähigkeit der Lehrer ist es, die in vielen Fällen den Mangel an Respekt und Disziplin bei den Kindern verschuldet. Spricht man mit den Lehrern über diesen Mangel, so bestätigen sie ihn meistens, geben aber alle Schuld dem Elternhaus, das es an jeder Erziehung fehlen lasse. Der-Vorwurf der Lehrer gegen das Elternhaus ist sicherlich nicht minder berechtigt als derjenige der Eltern gegen die'Schule. Ein großer Teil der palästinensischen Jugend bleibt vollständig ohne häusliche Beobachtung und Leitung. Das liegt nicht — wie etwa in den arbeitenden Kreisen des Auslandes — daran, daß Vater und Mutter den ganzen Tag außerhalb des Hauses verbringen müssen und die Kinder sich selbst .überlassen sind; bleiben doch bei uns in manchen Häusern beide Eltern, in den meisten wenigstens die Mutter den ganzen Tag über zu Hause. Ihr Verzicht auf die Erziehung der Kinder entspringt vielmehr in vielen Fällen dem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit, in der sie nichts sehnlicher wünschen, als — daß die Kinder möglichst bald über sie hinauswachsen mögen. Eine zweite Gruppe von Eltern ist die, welche wohl moralisch und geistig durchaus befugt wäre, die Erziehung ihrer Kinder in die Hand zu nehmen, welche sich aber ab- , sichtlich von einem direkten Einfluß auf sie zurückhält. Dieser Verzicht auf die Ausübung der elterlichen Autorität hat eine gemütliche und eine gedankliche Quelle; Selbst aufgewachsen in Ländern, in denen sie ihre Unfreiheit und Abhängigkeit vom Urteil der nichtjüdischen Umwelt als einen ständigen Druck empfanden^ dazu häufig mit der Erinnerung an eine luft- und lichtlose, entbehrungsreiche Jugend, möchten die Im eigenen Lande Angelangten in ihren Kindern die Erfüllung ihrer eigenen Jugendsehnsucht sehen, möchten ihnen alle Enge und Bedrückung aus dem Wege räumen und sie in voller Freiheit aufwachsen lassen. In einer übertriebenen oder sogar falschen Auffassung des Begriffs „Freiheit« (die übersieht, daß wirkliche Befreiung nur da möglich ist, wo jeder sich nicht als ein losgelöstes Individuum, sondern als Glied einer Gesamtheit fühlt), glauben sie, das Glück Ihrer Kinder zu stören, wenn sie auch nur im geringsten dem kindlichen oder kindischen Willen entgegentreten, wenn sie dem" Kinde Pflichten übertragen und es dem Genuß des Augenblicks entziehen. Zu diesem gefühlsmäßigen Streben, dem Kinde seine „Freiheit* zu lassen, kommt bei vielen noch eine ganz bestimmte psychologische Theorie. Ueberzeugt davon, daß der Mensch von Natur aus gut ist und nur durch den Zwang einer entarteten Kultur sich selbst untreu werden konnte, streben sie danach, der Persönlichkeit ihre Freiheit zurückzugeben. Diese Theorie von der Güte des Menschen im allgemeinen wird verstärkt durch die Ueberzeugung von der Güte der eigenen Stammesart, die im eigenen Lande, unter eigenen Gesetzen zu voller Entwicklung kommen muß. Daß sich hierzu bei dem Einzelnen noch ein besonderes Vertrauen zu der Art der eigenen Kinder gesellt; ist zu menschlich um kritisiert zu werden. Diese Fanatiker der Freiheit glauben, durch jede Beeinflussung die Individualität ihrer Kinder zu unterdrücken; in jedem Ueberreden zu einer bestimmten Handlung, in jeder Nichterfüllung eines kindlichen Wunsches sehen sie eine Unselbständigmachung der freien kindlichen Persönlichkeit. Ihr besonderes Vorurteil richtet sich gegen die durch Sitte und Tradition fest gewordenen äußeren Formen des Verkehrs der Menschen, und verkennend, daß diesen Formen menschenfreundliche Gedanken zugrunde liegen, die ihre festigende, disziplinierende Wirkung auf den, der sie ausübt, haben (abgesehen von ihrer wohltuenden Wirkung auf die Umgebung), erlassen sie ihren Kindern die Befolgung von Rücksichten, die auf der ganzen Welt gelten. Die Art, wie diese Erziehung, — wenn man dieses Wort für etwas, das eigentlich das Gegenteil bedeutet, gebrauchen will — in die Erscheinung tritt, unterscheidet sich in vielem gar nicht von der ganz sentimentalen Behandlung des Kindes, die man früher „Verziehen" nannte. Hier wie dort finden wir, daß das Kind ißt oder stehen läßt was Ihm gerade beliebt, daß es die Bücher lesen und Vergnügungen wählen darf, die es selbst sich aussucht, daß man jeder Unlust zu Irgendeiner Tätigkeit nachgibt, daß das Kind

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