Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 630

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1921-01-01
Page
630 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101186-3107360--5522-3107421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

630 Umschau: Sozialismus - machte, die palästinensische Jugend in einem Geiste zu erziehen, der von der Forderung unselbständigen, blinden Gehorsams ebenso weit entfernt ist wie vom schwächlichen Nachgeben an alle kindischen Launen. Unter der Einwirkung solcher Erzieher würde die palästinensische Jugend vielleicht reif werden für eine Art von Erziehung, die wir heute in Palästina noch schmerzlich vermissen : die Selbsterziehung der Jugend durch den Jugendbund. Helene Hanna Cohn UMSCHAU SOZIALISMUS l. Walther Rathenau Der Tod Walther Rathenaus hat die Zahl der Opfer, die das jüdische Volk zu allen Zeiten in den Freiheitskämpfen aller Unterdrückten gebracht hat, um eins vermehrt. Es hat nicht an Gelegenheiten gefehlt, das auszudrücken, was vom Standpunkt des lebendigen Judentums, das heute alle seine Kräfte konzentrieren muß, dazu zu sagen ist Es ist nicht der Zweck der folgenden Zeilen, wiederum auf die Tragik hinzuweisen, die in dem Schicksal dieses jüdischen Menschen liegt, die gleiche Tragik, die wir bei den andern jüdischen Opfern der deutschen Revolution sehen. Die in dem Schicksal der Rosa Luxemburg und Landauer, Eisner, Levlne, Schottländer und wie sie alle heißen, Zeugnis ablegt für die Notwendigkeit unseres Strebens, diese jüdische Tragik in gleicher Weise wie die Not des jüdischen Volkes zu überwinden. Rathenau gehörte zu jenen seltenen konstruktiven Geistern, die begriffen haben, daß die Welt nicht durch Eingriffe in der polltischen und juristischen Sphäre geändert werden kann, weil diese selbst nur Reflex und Spiegelbild der Kräfte ist, die in Wirklichkeit unser Sein gestalten; sondern daß es gilt, die heutigen unerträglichen Zustände im Reiche der Realität und der Tatsachen umzuformen, die bestehende Gesellschaftsordnung in ihrer seelischen und wirtschaftlichen Triebkraft anzugreifen. Walther Rathenau war nicht das, was man in Deutschland unter einem Sozialisten versteht; aber gerade darum, weil er außerhalb der kleinlichen Rivalitäten der Parteien stand, weil er von keinem Dogma geblendet war, hat er in der Zeit, in der ihn der politische Kampf noch nicht absorbierte, in seinen zahlreichen Schriften der Entwicklung der sozialistischen Idee einen neuen Anstoß gegeben. Darüber, was zu tun sei, wenn das Ziel des Klassenkampfes erreicht, wenn das Proletariat im Besitze der Macht, wenn die Stunde gekommen ist, in der der Weg für den Sozialismus offen steht und es gilt, die sozialistische Gesellschaft in der Wirklichkeit zu errichten, darüber hat der deutsche Sozialismus sich immer ausgeschwiegen, Von seinen an erkannten,Führern hat nur Kautsky einmal eine kleine Broschüre dieser Frage gewidmet, und was von mehr oder minder außenstehenden Genossen dazu gesagt wurde, drang nicht durch. Das ist eine der schwersten Sünden der deutschen Sozialdemokratie. Wenn es heute eine Generation jüngerer Sozialisten gibt, die ihr Werk der Klarstellung und Lösung dieser wichtigsten Probleme gewidmet haben, so gebührt Walther Rathenau das größte Verdienst daran. Seine Bücher, vor allem „Von kommenden Dingen" und „Die neue Wirtschaft" haben diese Fragen ins Rollen gebracht, und die wertvollen Gedanken und Anregungen dieser Schriften sind heute bei allen Autoren zu finden, die sich mit den Problemen der Sozialisierung und der Gemeinwirtschaft beschäftigen. Rathenau trat als ein Techniker an die Frage _des Aufbaues der neuen Gesellschaft heran. Für ihn war nicht die Frage brennend, wo der „Mehrwert" stecke und durch welche gesetzgeberischen Maßnahmen man ihn beseitigen könne. Er erkannte, daß das wirkliche Problem ein anderes sei. Um die proletarischen Verhältnisse zu beseitigen, muß man den Massen eine größere Menge von Verbrauchsgütern zur Verfügung stellen. Dieses Mehr an Gütern kann aber nicht dadurch beschafft werden, daß man den Verbrauch der kaufkräftigen Schichten beschränkt, denn „selbst die Aufhebung des Vorzugsverbrauchs würde die Lebensbedingungen der Gesamtheit nicht wesentlich verbessern"*). Das wirkliche Problem der „neuen Wirtschaft" ist also, die Erzeugung zu steigern. Denn nur so kann das Mehr an Verbrauchsgütern zur Verfügung gestellt werden, das notwendig ist, um Not und Armut aus der Welt zu schaffen. Und hier wird Rathenau zu dem gewaltigen — weil sachkundigen und eingeweihten — Ankläger des bestehenden Wirtschaftssystems. Das bestehende System ist nicht ökonomisch u n d sparsam, sondern ein unwirtschaftliches System der Verschwendung. Die Gründe hierfür sind, daß es, auf dem Prinzip der freien Konkurrenz aufgebaut, mit zu großen inneren *) Die neue Wirtschaft, S. 31,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.