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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 627

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1921-01-01
Page
627 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Von der zweiten Generation in Palästina 627 einem Geschlecht erwarten könnte, das umgeben von den ewigen Zeugen der Menschheitsgeschichte aufwächst, scheint das Leben in Palästina noch nicht günstig zu sein. Die im Grunde gute und vielversprechende Wesensart unserer Jugend wird verdunkelt durch eine Reihe stark ins Auge fallender negativer Eigenschaften. Unter diesen sind die auffälligsten: Trägheit und Respektlosigkeit. Die Trägheit verrät sich auf den verschiedensten Gebieten: schon in der Haltung und im Tragen der Kleidung liegt bei unseren Kindern ein Zug von Nachlässigkeit, den mit dem Wort „orientalisch" abzutun'ganz unzulässig ist, wenn man sich die straffe,, schöne Haltung der Araber ansieht. Am stärksten spricht sich die Trägheit der palästinensischen Kinder — abgesehen von den Einzelnen, die ein besonders starkes geistiges Interesse bewegt — in der Unlust zum geistigen Arbelten, aber auch zum Sporttreiben und zu Arbeiten in Haus und Garten aus. Und noch deutlicher als diese Trägheit des Körpers und Geistes zeigt sich eine Herzensträgheit im Verkehr des Kindes mit seiner Umgebung — nicht nur in der vollständigen Vernachlässigung aller rücksichtsvollen Formen, sondern auch in der Nichterfüllung der kleinen und In ihrer Gesamtheit für die Lebensharmonie doch so bedeutungsvollen Pflichten gegen den Nächsten: Einhaltung von Verabredungen, Zurückerstattung entliehener Gegenstände, Durchführung begonnener Unternehmungen. Einen großen Teil dieser Trägheit wird man auf das Konto des Glieder und Geist erschlaffenden Klimas setzen müssen. Dann aber gibt es nur zwei Möglichkeiten: sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß die junge Generation minder leistungsfähig ist als die ältere es war; oder durch besondere Stärkung des kindlichen Willens die Wirkung des Klimas zu überwinden. In Palästina entscheidet man sich fast durchweg für das erstere und reduziert das Pflichtenmaß der Kinder auf ein Minimum. Zur Eigenschaft der Trägheit kommt als zweite, diese vielfach durchdringende ein auffälliger Mangel an Respekt und zwar Respekt vor Eltern, Lehrern, führenden Menschen und Institutionen des eigenen Landes und Volkes sowie den Kulturen des Auslandes. Der Ton, in dem palästinensische Kinder mit ihren Eltern, Lehrern und Besuchern des Hauses verkehren, »die Art, in der sie in das Gespräch der Erwachsenen eingreifen, die Kritik, die sie an Persönlichkeiten und Verhältnissen üben, zu deren Erfassung eigentlich ein reiferes Verständnis gehört, die Manier, wie sie sich in Schule, Theater, ärztlicher Klinik und an öffentlichen Plätzen benehmen, laßt erkennen, daß das palästinensische Kind sich als äußerst wichtiges, ja das wichtigste und zu den höchsten Ansprüchen berechtigte Mitglied der Gesellschaft fühlt. Alle .Pädagogen, die in ausländischen Schulen gearbeitet haben, sowie Aerzte und andere im Ausland Gebildete bestätigen, daß der Mangel an Disziplin bei unsren Kindern die Arbeit an und mit ihnen sehr erschwert. Dabei soll natürlich nicht einem blinden Abhängigkeits- und Inferioritätsgefühl des Kindes gegenüber den Erwachsenen, wie es in früheren Generationen vielfach gefordert wurde, das Wort geredet werden. Das Kind soll nicht daran gehindert werden, sich über alle Erscheinungen und Persönlichkeiten seiner Umgebung und Erfahrung Rechenschaft zu geben; nur soll es ein Gefühl für die durch geringere Lebenserfahrung und Verantwortlichkeit bedingten Grenzen seiner Erkenntnis erhalten und soll diese beiden Elemente als etwas, das Achtung erheischt, empfinden. Es fragt sich, wie der Mangel an Zusammenraffung der kindlichen Persönlichkeit zu erklären und wie ihm abzuhelfen ist. Für die Eltern — soweit sie sich überhaupt dieses Mangels bewußt werden — liegt es nahe, der Schule die Schuld zu geben. Von den palästinensischen Schulen sind nur wenige eigentliche Erziehungsanstalten — die meisten bringen den Kindern nur Wissen bei, ohne sich mehr um ihre seelische Ausbildung zu bekümmern als für die einigermaßen ungestörte Fortführung des Unterrichts unbedingt erforderlich ist. Das ist sicherlich zu einem guten Teil darauf zurückzuführen, daß die meisten Lehrer wohl gute Hebräer, aber keine ausgebildeten und erfahrenen Pädagogen sind. Viele Schäden lassen sich auch dadurch erklären, daß die Schulen — infolge ihrer materiellen Notlage — in manchen Fällen gezwungen sind, die Anstellung eines Lehrers vorwiegend von der Höhe oder vielmehr Niedrigkeit seiher V

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