Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Reise zu den Chaluzim [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 625 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Reise zu den Chaluzlm 625 die — unabhängig von allen zufälligen Faktoren und nur auf innere Kraft vertrauend — den Ernst, die Bewährungskraft und den Verwirklichungswillen des Zionismus offenbart. Und diese Lebensentwicklung hat begonnen, als die jüdische Jugend den Aufbruch proklamierte, der der Bruch mit dem Alten sein sollte, und der Zug ins Unbekannte, Unendliche: die Alljah. Heute vollzieht sich sichtbar im Lande Israel die Wandlung eines Volkes, das zur Erneuerung strebt. Die Träger dieser Erneuerung sind die „Chaluzlm", Jugend, die Europa den Rücken gekehrt hat und weiß, daß es in den Fesseln der alten Formen kein Leben geben kann. Die Chaluzimgruppen sind Kristallisationszentren, die eigentlichen Keimzellen des jüdischen Palästina. Das hat Arthur Holitscher mit scharfem Blick erkannt, der. im vorigen Herbst in Palästina war und nun in einer kleinen Broschüre über seine „Reise durch das jüdische Palästina«*) berichtet. Dieses Buch ist ein Hymnus auf den Chaluz geworden. Holitscher bewährt hier seine außerordentliche Gabe der Beobachtung und Auffassung, die er schon in seinen Büchern über Amerika und Sowjetrußland an den Tag gelegt hat; er hat sich in kurzer Zeit gut um getan, hat sich informiert und informieren lassen, und gibt nun wieder was er erfahren hat. Er hat wohl nicht alles stets bis in die letzten Tiefen gesehen; er konnte das Leben der Chaluzim nur in äußeren Umrissen mitleben, da er der hebräischen Sprache, die ihr Grundelement ist, nicht mächtig war. Aber er hat doch verstanden, daß hier etwas Ungewöhnliches vor sich geht, dessen gleichen man 1h der heutigen Welt schwerlich findet. Er hat verstanden, daß der nationale Erlösungsdrang dieser Menschen, deren Verhältnis zu dem Lande, zur Arbeit und zur Zukunft ein Geheimnis besonderer Art birgt, eine Macht ist, die über die Menschenseele Gewalt hat und in kleiner, unscheinbarer Tat Größe offenbar werden läßt Holitscher reist als Beobachter, er sammelt Impressionen und erzählt anekdotisch und pointiert. Er hat das Land *) Arthur Holitscher, Reise durch das jüdische Palästina. Berlin 1922, S. Fischer, Verlag. und seine Probleme nicht „studiert", aber er hat menschliches Neuland gefunden und Überströmt von dem Erlebten. Er ist ergriffen: „Ich habe Zelle um Zeile versucht, Übertreibung zu vermeiden; Menschen und Verhältnisse zu zeigen, wie sie sind. Hier und da wurde ich, während ich diesen Bericht schrieb, trotz selbst auferlegter Zurückhaltung mitgerissen. Von dem, was ich in Palästina erlebte und empfand, auch in dieser Ferne hingerissen, und bin doch alt genug." ' Holitscher ist nicht Zlonist. Er ist Kommunist, aber doch nicht in dem beschränkten Partei sinne, der von der Doktrin zum Leben kommt und an abstrakten Maßstäben mißt. Er hat sich vor allem für die neuen Arbeitersiedlungen interessiert, von denen ihm Nüris, die Arbeitsstätte des Gdud haawodah, am nächsten steht, dieser Versuch der Verwirklichung einer großen kommunistischen Gemeinschaft. Hier schwankt Holitscher zwischen der kommunistischen Theorie und der palästinensischen Wirklichkeit. Er vermißt bei den Chaluzim das ausgeprägte Klassenbewußtsein, er wirft ihnen vor, eine Ghettomauer um ihre Gemeinschaft errichtet zu haben und der Notwendigkeit der Eingliederung in den solidarischen Kampf des Proletariats aller Völker durch ihre Flucht aus dem Galuth entwichen zu sein. Hier eben verkennt Holitscher das Grundmotiv dieses Sozialismus, der in seiner primären Wurzel Zionismus ist. Diese Menschen sind nicht dem Klassenkampf entflohen, sondern sie — und auch diejenigen unter ihnen, die streng marxistisch „auf dem Boden des Klassenkampfes stehen* — handeln, oft unbewußt, aus dem Trieb nach Erneuerung, die vor jeder Verwirklichung des Sozialismus liegen muß. Sie gehen nicht darauf aus, die „neue Gesellschaft" zu bauen, sondern das neue Volk, ein arbeitendes Volk Palästinas, wiedergeborenes, zum Schaffen fähiges jüdisches Volk. Jede wahrhafte Verwirklichung des Sozialismus muß zunächst eine „Ghettomauer" um sich bauen, das heißt, sie muß im kleinen Kreise der Lebensgemeinschaft vor sich gehen, mit menschlicher Bewährung beginnen, das Große vorbereiten. Nur im lebendigen Volk kann auch wahrhafter Sozialismus Gestalt annehmen — denn auch Sozialismus ist eine menschliche Sache. Und da Zionismus der Wille zur Erneuerung des jüdischen Men-