Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Reise zu den Chaluzim [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
626 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101186-3107359--5516-3107417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

626 Bemerkungen:'Von der zweiten Generation in Palästina sehen ist, da er neue Lebensformen, Gemeinschaftsformen suchen muß, so muß seine Verwirklichung durch Sozialismus vor sich gehen. An Ihrer Schwelle steht die Hingabe und das Opfer wegbereitender Menschen. Zwei Probleme scheinen Holitscher nicht in ihrem vollen Gewicht aufgegangen zu sein: das Ökonomische Problem und die Araberfrage, die beiden zentralen und aktuellsten Punkte. Zwar vermerkt er das Paradox, daß amerikanisch-jüdische Kapitalisten Geld für kommunistische Siedlungen in Palästina hergeben, und er richtet einen mächtigen Appell an alle, die sich aus kleinlicher Eigensucht beiseite drücken und für diese historische Sache von menschheitlichem Wert nicht ihre Steuern bezahlen wollen; aber die ungeheure Schwierigkeit der Geldbeschaffung, des wirtschaftlichen Aufbaus vom Gesichtspunkt der ökonomischen Unabhängigkeit beschäftigt ihn nicht eingehender. Sein Urteil über die Araber bildet er etwas einseitig mit den Augen des überlegenen Europäers, vielleicht auch hier nicht unbeeinflußt von jüdischen Stimmen in Palästina Wie er überhaupt an mehreren Stellen Urteile ausspricht, deren Quellen der Leser, der in der zionistischen Bewegung Bescheid weiß, unschwer wiedererkennt. Diese Vorbehalte sollen bloß andeuten, daß dieses Buch keineswegs als fachliches Gutachten aufzufassen ist. Es ist ein menschliches Dokument und eine Verkündigung. Es' hat das große Verdienst, die Aufmerksamkeit der deutschen Juden auf den neuen Juden hinzulenken, der heute schon im Lande der Väter am Werk ist- Es zeugt von dem Prozeß der großen Wandlung im jüdischen Volke, der zu den wenigen zukunftsverhelßenden Vorgängen dieser Gegenwart gehört. Robert Weltsch VON DER ZWEITEN GENERATION IN PALÄSTINA Freiheit der Persönlichkeit In einem früheren Aufsatz*) war von der Geistesbildung der palästinensischen Schuljugend gesprochen und es war gezeigt worden, wie sehr der Unterricht dadurch leidet, daß die Schulen selbst noch nicht wissen, für *) Die Erziehung der zweiten Generation (Heft 5 dieses Jahrgangs). welches Lebensziel sie die Heranwachsenden vorzubereiten haben. Heute sei die Frage gestellt, ob die Wege zur Charakterbildung des Kindes, die in Palästina beschritten werden, gut und ausreichend sind. Bei dieser Betrachtung müssen wir von vornherein unterscheiden zwischen Chederkindern, deren ganze Ausbildung im Gegensatz zu unseren Begriffen von Jugenderziehung steht, und den Kindern, die in den vom neuen Jischub eingerichteten Schulen erzogen werden. Um sich Über die Art dieser zweiten Gruppe von Kindern klar zu werden, muß man sich Rechenschaft geben, aus welchem- Kreise sie stammen. -Größere Kinder aus den produktiv arbeitenden Schichten des Volkes gibt es in nennenswerter Zahl überhaupt noch nicht, da die Mehrzahl der Arbeter noch jung und unverheiratet ist. Die meisten Schulkinder stammen also aus den Familien des neuen Jischub, aus Kolonisten- und anderen mehr oder minder gutgestellten und bemittelten Bürgerfamilien.^ Diese Kinder sind zum größten Teile gut gepflegt, gut genährt, in guter Luft aufgewachsen und daher gesund, kräftig und frei von der Nervosität oder sogar Hysterie des durchschnittlichen europäischen Großstadtkindes. Die einzige wirkliche Gefahr, von der die Gesundheit dieser Jugend bedroht wird, ist eine - offenbar durch das Klima begünstigte - starke und leicht zu Mißbräuchen führende sexuelle Reizbarkeit. Abgesehen von dieser Eigenschaft finden wir «in frisches, lebensfreudiges, geistig reges und einfaches junges Gechlecht, das wirkliche Demokratie im Blute hat und von sozialem oder Leistungs-Ehrgeiz ebenso fern ist wie von der überspannten Schwärmerei, die wir nur allzu gut an europäischen Jungen und Mädchen kennen. An ihrer Stelle sehen wir ein fast befremdliches Maß kritischer Nüchternheit, die sich, gepaart mit einigem Egoismus, zu einer ziemlich materialistischen Weltanschauung vereinigt — eine Erscheinung, die sich in allen Kolonialländern, in denen der Kampf um die Existenz alle Kräfte beansprucht und in denen es noch keine Kulturtradition gibt, bei den Nachkommen der Eingewanderten zeigt. Der Ausbildung romantischer Phantasie und künstlerischer Suszeptibilität, wie man sie vielleicht von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.