Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Reise zu den Chaluzim [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 624 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN REISE ZU DEN CHALUZIM Die große Macht der zionistischen Idee Über die Seelen beruhte auf der befreienden Tatsache, daß sie den Juden endlich als menschliches Wesen in seiner Totalität faßte. „Golus" war nicht nur Verbannung aus dem nationalen Heim, sondern Verbannung schlechthin, nicht nur Mangel an nationalen Entfaltungsmöglichkeiten, sondern an Lebensmöglichkeiten schlechthin, ein Fluch, der die ganze Menschennatur verzerrt, verzehrt. Erlösung aus dem Golus ist nicht nur nationale Befreiung, sondern menschliche Aufrichtung; Zionismus ist nicht nur Erneuerung des Judentums, sondern Erneuerung des Lebens überhaupt: Durchbrechung der Erstarrung zu neuem Fluß, Bewegung, Aber von dem ideellen Sieg dieser Idee als politischer Losung bis zur Verwirklichung ist ein weiter Weg; und nicht einmal ein glatter Weg, denn turmhohe Hindernisse liegen zwischen Anerkennung der Idee und Verständnis für die notwendige Form der Realisierung. Denn die Realisierung kann nur im persönlichen Leben vor sich gehen, denn nur hier ist das Element, das ihr unentbehrliches Material ist. Zionismus meint Abbruch und Neubeginn; Überwindung der toten Welt, die Golus ist, und Schöpfung einer neuen, seelenhaften, geisterfüllten, in der die Gemeinschaft der Menschen nicht formeller Zwang ist, sondern innere Notwendigkeit, freie Verbundenheit. Hier kann wieder Volk werden, das die Juden aufgehört haben zu sein; denn ohne schöpferischen Funken gibt es kein Volk. Der Zionismus ist nicht so sehr eine jüdische Angelegenheit (sofern man Judentum nicht als qualifiziertes Menschentum, sondern als Summe historischer Traditionen auffaßt), denn jüdisch" kann man sich auch im Golus ausleben — das hatte die Orthodoxie richtig begriffen —; Zionismus ist eine menschliche Revolution, denn als Mensch kann der Jude im Golus nicht leben, und jüdische Gemeinschaft nicht als menschliche Gemeinschaft. Es ist einer jener ironischen Streiche der Geschichte, die so oft bei der Entwicklung von Bewegungen und ihrer Durchdringung mit dem Erbteil der alten Zeit geschehen, daß auch im Zionismus eine Auffassung entstehen konnte, die, weit entfernt von jedem Willen zur Erneuerung* ein hebräisch angestrichenes Golus für Zion hält. Das Bürgertum (nicht im ökonomischen, sondern im geistigen Sinn) fällt der beginnenden Revolution in den Arm. Heute leben wir in einer Periode, in der diese Reaktion erstarkt (und besonders ökonomische Argumente für sie zu zeugen scheinen) — aber daneben gehen unbeirrt die Träger des ursprünglichen Gedankens, die Pioniere einer Erneuerung von Grund auf, einer Erneuerung des Menschen und des Gemeinschaftslebens, und es ist kein Zweifel, daß ihnen die Zukunft gehört, wenn Zionismus ein historisches und nicht bloß ein ephemeres Ereignis ist. Die letzten Jahre mit ihren fürchterlichen Schicksalsschlägen, mit ihren wechselnden politischen Stimmungen, ihren Sensationen, Erfolgen und Depressionen, haben das jüdische Volk entnervt und den Zionismus zum guten Teil demoralisiert; man gewöhnte sich an die große Geste, spielte gewissermaßen den politischen Parvenü: plötzlich war uns nichts nobel genug, ohne daß wir selbst die Hand gerührt hätten, wir hatten einen Anspruch gewonnen, den wir stets präsentieren konnten; und wenn man uns nicht nach Wunsch bediente, verzogen wir schmollend den Mund. Die Versammlungs-Begeisterung, die Resolution, der Protest waren unsere Äußerungsformen. Dies alles war vielleicht notwendig, aber die eigentliche Erfüllung vollzog sich fern, In einer Lebensentwicklung,