Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 619 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 619 gebeten habenl". Ganz besonders wenn man weiß, daß es sich beim Fried* hofsbesuch um einen Bittgang für die Genesung eines Kranken handelt, werden überdies noch die Worte hinzugefügt: „X (der Kranke) soll haben eine refuah schelemah", worauf der Angeredete stets ein lautes Amen spricht. Die für die verschiedenen Gelegenheiten auf den Gräbern zu sagenden Spezialgebete befinden sich in dem von R. Jakob ben Abraham Salomo (lebte in Prag um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts) verfaßten, überall eingeführten, für Frauen ins Jiddische übersetzten sog. „Maaneh Laschon". Frauen halten sich zumeist beim Begräbnisbesuch, wenn es sich um einen Kranken oder einen sonstigen Notfall handelt, nicht an die gedruckten Texte, sondern tragen ihre Bitten, wie sie ihnen vom Herzen kommen, frei vor. In chassidischen Kreisen ist es Sitte, die Gräber der Zaddikim und ganz besonders das Grab des Zaddiks, zu dessen Anhängern der Kranke gehörte, aufzusuchen, damit er für den Kranken im Himmel „sich mühe", denn „selbst im Tode sind die Gerechten lebend zu nennen" (Tr. Berachot 18 A). Von chassidischer {Seite ist sogar eine kabbalistisch-mystische Abhandlung über die Bedeutung des „Sich-Hinwerfens auf die Gräber der Zaddikim" verfaßt worden („Injan ha-hischtatchut al kibre ha-zaddikim." 3. Auflage. Warschau 1871). Befindet sich das Grab außerhalb des Wohnorts des Kranken, dann wallfahrtet, insofern der Kranke hierzu nicht in der Lage ist, jemand aus dem Verwandtenkreise zum toten Zaddik. Läßt jedoch der bedrohliche Zustand nicht Zeit für die Reise übrig oder ist die Entfernung groß, dann wendet man sich telegraphisch an jemand, der in der betreffenden Stadt sich aufhält, daß er am Grrabe des Zaddiks für den Kranken bete. Befindet sich in diesem Ort ein Zaddik, in der Regel ein Nachkomme des verstorbenen Zaddiks, dann wendet man sich gewöhnlich an den Gabbai, daß er außer Überreichung eines Kwittels für den Kranken an den lebenden Zaddik auch am Grabe des toten Zaddiks für den Kranken bete bezw. beten lasse. Gleichzeitig wird auch ein entsprechender Geldbetrag als Pidjon für den lebenden Zaddik und als Vergütung für den Gabbai und die Betenden überwiesen. Es begeben sich dann in der Regel zehn Fromme, Batlanim oder sonstige Chassidim, auf das Grab des Zaddiks und beten für die Genesung des Kranken. Ebenso wie dem lebenden Zaddik wird auch dem toten Zaddik ein Kwittel — natürlich ohne Pidjon — überreicht, indem man es mit dem üblichen Text auf dessen Grab hinlegt. Auf den Gräbern berühmter Zaddikim findet man oft Massen solcher Kwittel aufgehäuft. Gewissermaßen als Ersatz für den Pidjon wird auf dem Grab des Zaddiks eine Öllampe oder Kerzen für das Seelenheil des verehrten Toten angezündet. Ueber den Gräbern der Zaddikim werden gewöhnlich einfache, quadratisch gebaute überdachte Mausoleen, sog. Ohel (= Zelt) gebaut. In diesen sind stets Blechgehäuse aufgestellt, in denen fast ununterbrochen von den Besuchenden gespendete Öllampen und Kerzen brennen. Bei Zaddikim wie auch in angesehenen und bemittelten chassidischen 40*