Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 618 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6i8 Samuel Rappaport: bar hineingelesen, so daß dieser schon von dem ersten Bibelunterricht im Cheder an mit jener Agadah eng verwachsen erscheint und ohne sie gar nicht gedacht werden kann. — Im Osten ist es Sitte, daß am Abend des neunten Ab, das ist am Gedenktag der Zerstörung des Tempels, nach Verlesung der Klagelieder Jeremias im Bethause Gruppen bleiben, die gemeinsam den Midrasch zu den Klageliedern (Midrasch Echah Rabbati) lesen. In der Einleitung zu diesem Midrasch (Ptichtah) wird jene Legende erzählt, wie Jeremiah die Väter weckt. Während die Männer im Bethaus den Trauermidrasch lesen, versammeln sich Frauen gruppenweise zu Hause, wobei je eine in jeder Gruppe den sog. „Churban", d. i. eine Sammlung von Agadot aus Talmud und Midrasch über die Zerstörung Jerusalems, verliest. In dem Erbauungsbuch für Frauen „Zeenah Urenah" wie in jedem Gebetbuch für Frauen, dem sog. „Korban Minchah-Siddur", ist der „Churban" beigedruckt Unter lautem ununterbrochenen Schluchzen lauschen die auf dem Fußboden oder auf niedrigen Fußschemeln sitzenden Frauen dem beim matten Licht winziger Talgkerzen vorgelesenen „Churban". Wer je ein altes „Zeenah Urenah" oder „Korban Minchah-Siddur" zur Hand bekommen hat, wird überall im „Churban" die unverwischbaren Spuren,von den am neunten Ab vergossenen zahlreichen Frauentränen finden. Diese im Volke lebendigen Legenden von den aus ihrem ewigen Schlummer geweckten Toten, die sich für die in Not befindlichen Lebenden im Himmel mühen, gehören mit zu den psychologischen Motiven, die den im Osten so verbreiteten Brauch des Gräberbesuches, der unter * anderem auch gewissermaßen die Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten aufrecht erhält, erklären. So oftman im Osten auf einen Friedhof kommt, hört maxi, mitunter von mehreren Seiten, erschütterndes Klagen und Schluchzen von auf den Gräbern hingestreckten Frauen, die die Toten anrufen, sich zum „Bet din schel maalah" (Himmlisches Gericht) zu begeben, um, sei es für einen Kranken — unter Nennung seines Namens und desjenigen seiner Mutter — die Genesung, sei es die Erfüllung eines andern dringenden Wunsches zu erflehen. Die Bitten bekommen mitunter sogar einen imperativen Charakter, wenn z. B. eine Frau ihren toten Mann auffordert, daß er sich für sein krankes Kind oder für s§ine erwachsene heiratsfähige Tochter „mühe", damit das kranke Kind gesund werde oder die Tochter den richtigen Bräutigam bald finde und die Mittel da seien, sie „in Ehre und Kabod" (Kabod^Ehre, hier so viel wie standesgemäß) zur Chuppah zu bringen; oder wenn eine Frau ihre toten Eltern oder Schwiegerelten anruft, daß sie sich für die Genesung ihres "kranken Mannes einsetzen, damit die Kinder nicht verlassene Waisen ohne Ernährer und ohne Erzieher, der sie in die Wege Gottes leitet, verbleiben. Begegnet man jemandem, der vom Besuch des Friedhofes zurückkehrt, ruft man ihm stets zu — wie man im Osten übrigens am Ausgang des Versöhnungstages sich gegenseitig zuruft —: „Ihr sollt euch alles Gute aus-