Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 617 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 617 sehr populären Brauch des Gräberbesuches den Charakter des in der Bibel verbotenen Beschwörens der Toten (Deutoronomium 18.11) nehmen wollte, rechtfertigt diesen Brauch damit, daß die Gräber der Frommen und Gerechten heilig seien und ein Gebet auf heiliger Erde eher als auf profanem Boden erhört werde. Er bemerkt aber auch zugleich, daß, wenn jemand weinend und bittend auf einem Grabe hingestreckt liegt, er seine Augen nicht nach unten, zu dem Toten, sondern nur nach oben zum Himmel richten und von Gott, unter Berufung auf die Verdienste der in der Erde schlummernden Gerechten, Gnade und Erbarmen erbitten solle (Mahril. Hilchot Taanit. Schluß). Der Brauch, in schweren Momenten und vornehmlich in Krankheitsfällen die Gräber nahestehender Familienangehöriger und insbesondere durch außerordentliche Gelehrsamkeit, Tugend und Frömmigkeit hervorragender Männer und auch Frauen aufzusuchen und die Toten um Fürsprache beim himmlischen Gericht anzurufen, ist bis heute im Osten allgemein üblich. Neben althergebrachter Tradition hat hier ganz vorzüglich die Kabbala wie die von kabbalistischem Geist stark beeinflußte fromme Volksliteratur zur Verbreitung dieses Brauchs in der breiten Volksmasse Vorschub geleistet. Die auf ihren Gräbern um Hilfe und Fürsprache angerufenen Toten und insbesondere die „Gerechten" eilen — nach alter Legende — zu den „in Hebron Schlummernden" d. h. zu den Erzvätern, die dann vor den himmlischen Richterstuhl treten und um Rettung und Abwehr des bösen Verhängnisses für die Bedrohten bitten. Einem Einwand, daß ein solches Anrufen von Verstorbenen auf deren Gräbern als in der Bibel verbotenes Beschwören der Toten. angesehen werden könnte, entgegnet der Sohar unter Berufung auf Kohelet 4.2, wo es heißt: „Ich preise die Toten, die längst verstorben sind" daß, die verstorbenen Gerechten tot waren-, aber nach ihrem Sterben nun wieder leben und nicht als Tote zu betrachten sind. (Sohar Achre Mot 70 B.71 A und B), folglich um Fürsprache im Himmel angegangen werden können. Sehr viel haben auch manche im Volk sehr beliebte talmudisch-midraschische Agadot dazu beigetragen, diesen Brauch unter den breiten Volksschichten lebendig zu erhalten. Im Kommentar Raschis zur Erzählung Jakobs vom Tode und der Bestattung Raheis an der Straße, die nach Betlehem führt (Genesis 48. 7), wird die oben erwähnte Agadah (Midrasch Bereschit Rabbah Absch. 82) erzählt, daß Jakob über höhere Eingebung Rahel dort an der Straße bestattet habe, damit, wenn einstmals Nebusaraddan ihre Kinder in die Gefangenschaft führen wird und sie hier klagend vorbeiziehen werden, Rahel von ihrem Grab sich erhebe und zu Gott eile und so lange nicht vom Weinen lasse, bis sie von Gott selbst das Versprechen erhalte, daß ihre Kinder in ihr Land zurückkehren werden. Diese Agadah wird im Cheder mit ganz besonderem Nachdruck und eigener sentimentaler Melodie, so oft der Wochenabschnitt „Wajchi", der vom Segen und dem Tode Jakobs handelt, gelernt wird, dem obigen Vers (Genesis 48. 7) unmittel- . Heft 10 jlo