Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 616 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hebron 1× ep/1047559
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6x6 Samuel Rappaport: In schweren Momenten des Lebens sucht der Ostjude den Weg zu den Toten, die im Leben seinem Herzen nahegestanden haben, oder die durch besondere Frömmigkeit, Tugenden und Gelehrsamkeit berühmt geworden sind. Auf den Gräbern der teuren oder verehrten Dahingeschiedenen wird in der Not gebetet, sie mögen sich im Himmel für den Hilfesuchenden „mühen". Das Zeitwort „mühen" gebraucht ein Ostjude stets, wenn er eines Toten gedenkt. So oft man im Osten einen teuren oder verehrten Toten erwähnt, wird stets hinzugefügt: „er bezw. sie soll sich für uns mühen" oder „er bezw. sie soll sich für uns dort — im Himmel — mühen und soll für uns ein meliz joscher (guter Fürsprecher) bezw. melizah jescharah (gute " Fürsprecherin) sein". Durch den Tod wird der Faden, der die Heimgegangenen mit den Lebenden verbunden hatte, keineswegs zerrissen. Im Gegenteil! Die Beziehungen der Toten bleiben, trotz ihres Scheidens aus dem Leben, zu den auf dieser Welt noch Wandelnden in Ewigkeit aufrecht und werden nie unterbrochen. Ihr Auge wacht im Himmel über die in diesem Jammertal noch Weilenden und ihr „Mühen" wie ihre Fürbitte wendet so manches über jenen schwebendes Ungemach ab. Sie freuen sich am Wohlergehen und Glück derer, die ihrem Herzen im Leben nahestanden. Bei Hochzeitsgelegenheit ihrer Kinder werden sie geladen. Sie kommen auch zu deren Chuppah und tanzen, wenn auch unsichtbar, mitten unter den -Gästen den fröhlichen gebotenen Hochzeitstanz. Wenn die Lebenden sich in Not und Bedrängnis befinden, kommen sie unter Jammern und Weinen zu den Toten, um deren Fürsprache im Himmel zu erbitten. Auf den Ruf der Bittenden , und ihr Leid Klagenden laufen nun die Toten zum himmlischen Gericht und unter Anführung ihrer und ihrer Ahnen frommen Werke und Verdienste mühen sie1 sich, Erbarmen und Rettung für die Hilfesuchenden zu erlangen. Schon zu talmudischer Zeit scheint es Brauch gewesen zu sein, in Momenten der Not die Friedhöfe aufzusuchen, „damit die Toten für uns Erbarmen erbitten" (Tr. Taanit 16 A). Kaleb, der eines Sinns mit Josua war, ging nach Hebron und warf sich am Grab der Erzväter hin, bittend, daß er vom bösen Rate der Kundschafter, die falschen und entmutigenden Bericht aus Kanaan überbrachten, errettet werden möge (Tr. Sotah 34 B). Bekannt sind die schönen Agadot, wie nach der Zerstörung des ersten Tempels und der Wegführung der Juden in die Gefangenschaft Jeremiah Abraham, Isaak, Jakob und Moses aus ihren Gräbern weckte (Midrasch Echah Rabbati, Einleitung), und wie, als die von den Siegern gehetzten Gefangenen weinend vor dem Grabe Raheis vorbeizogen, Rahel sich aus ihrem Grab erhob und weinend vor Gottes Angesicht stürzte, Erbarmen für ihre Kinder erflehend bis ihr von Gott zugesagt wurde, daß ihre Kinder in ihre Heimat zurückkehren würden (Midrasch Bereschit Rabbah 82). Auch im Mittelalter war, wie die Quellen bezeugen, die Sitte, in Nöten Gräber zu besuchen, stark verbreitet (mehrere Stellen im Sefer Chassidim wie in anderen zeitgenössischen Schriften). Mahril, der dem in seiner Zeit