Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 614 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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6i4 Rafael SeligmannT Modernes Judentum konnte das in gewissen Kreisen fühlbar gewordene Bedürfnis nach einer geeigneten Verwertung der kulturellen Vergangenheit dieselbe Richtung wie im Abendland nicht annehmen. Man suchte im Gegensatz zum abendländischen Judentum aus der Kulturvergangenheit des jüdischen Volkes alles das herauszuholen und herauszudestillieren, was die nationale Zukunft befruchten und für sie richtungbestimmend werden konnte. Am lebhaftesten und deutlichsten wurde diese Aufgabe von Achad-Haam empfunden. Er wußte genau, worum es sich handelte: erstens alle jene Züge aufzuspüren und darzutun, die das Judentum zu einem besonderen und eigenartigen Kulturtypus machen, zweitens das Vergangene in die Gegenwart und die Zukunft zu verweben. Er wußte jedoch nicht anzugeben, worin dieser Kulturtypus, den er „Geist des Judentums" nannte, eigentlich bestehen sollte. Bei einem näheren und schärferen Zusehen würde dieser Geist des Judentums Elemente zum Vorschein bringen, die nicht nur auf die eigene nationale, sondern auf die menschliche Zukunft überhaupt befruchtend wirken können. Wir begegnen hier zunächst dem Primat des Humanismus über den Naturalismus, wobei hier unter Humanismus wohlgemerkt etwas anderes als sogenannte „Menschlichkeit" verstanden werden darf, wenn auch Menschlichkeit hierzu gleichfalls gehört. Und zwar bedeutet hier Humanismus vor allem die Selbständigkeit der ethischen Imperative mitten im Getriebe des natürlichen Geschehens, die die Welt nach ihrem eigenen Streben zu formen suchen anstatt sich von der Welt ziellos formen und kneten zu lassen. Zugegeben, daß ethische Imperative in der Geschichte der Völker wie der privaten Menschen von altersher und bis auf den heutigen Augenblick eine minimale Rolle spielten und spielen. Um so nachdrücklicher gilt es darauf zu bestehen. Sich tragen zu lassen von den Wellen der Natürlichkeit — darin gipfelte letzten Endes die Weisheit der Antike wie der Moderne. Antike und Moderne sind sich ihrem Wesen und ihrer inneren Tendenz nach vollständig gleich. Nur unterscheiden sie sich voneinander in der verschiedenen Auffassung der Natürlichkeit. Erstere verstand unter Natürlichem vorwiegend das Mechanisch-Physikalische, letztere versteht unter Natürlichem vorwiegend das Biologische. Aber Mechanismus oder Biologismus — beides läuft auf das Amoralische hinaus. Bei dem einen wie dem anderen kam das Kapitulieren vor der Natürlichkeit aus der allerdings richtigen Erkenntnis, daß Natur und Leben den ethischen Tendenzen nicht die geringste Beachtung schenken. Das Judentum wußte es auch, aber es ließ sich dadurch nicht beirren und hielt daran fest, daß der ethische Wille die höchste Instanz bildet, vor deren Forum alles Natürliche Rechenschaft abzugeben hat. Das Judentum hat außerdem den Begriff der Kulturdemokratie im Gegensatz zu dem der Interessendemokratie wie keine Lebensanschauung vor und nach ihm aus seinem Inneren herausgearbeitet. Dem Judentum ist die Gemeinschaft keine Masse etwa in einem marxistischen Sinn, ihm ist jedes einzelne Individuum von autonomer Bedeutung, aber nur innerhalb