Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 613 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Modernes Judentum 613 Diese Aufgabe schwebte einem Moses Heß, einem Lazarus, einem Hermann Cohen, einem Darmesteter, einem Bernard Lazare und anderen lebhaft vor. Allein die ganze Beschaffenheit der geistigen Atmosphäre innerhalb des westeuropäischen Judentums, in dessen Mitte diese und ihnen kongeniale Denker lebten und sich betätigten, war sehr wenig dazu angetan, -derartigen Versuchen den nötigen Resonanzboden zu geben. Diesem Judentum lag nichts daran, den mürbe und brüchig gewordenen Faden des nationalen Lebens weiterzuspinnen, und daher konnte es ihm auch daran nicht liegen, den Kulturgehalt des bisherigen Judentums für eine weitere geistige Entwicklung in einem selbständigen nationalen Sinn brauchbar zu machen. Im Gegenteil. Für dieses Judentum handelte es sich vielmehr darum, den das Vergangene mit dem Gegenwärtigen verbindenden Faden, der ohnehin dünn und morsch genug geworden war, ganz zu zerreißen; dieses Judentum hatte alles Interesse daran, das geschichtlich Gewesene zu einem vollständig passiven und körperlichen Erinnerungsbild verflüchtigen zu lassen, zu jener reinen Erinnerung, von der Bergspn in seinem Buche „Materie und Gedächtnis" spricht, die in keiner Beziehung mehr zu den motorischen Nerven des Organismus steht. Die Versuche blieben daher Versuche und nichts weiter und verhallten wirkungslos in der umgebenden Wüstenei. Anderseits wiederum waren auch die Urheber der Versuche ihrerseits sehr wenig däzu angetan, letztere im Sinne einer selbständigen nationalen Restauration verwerten zu wollen. Im Gegenteil. Sie bezweckten vielmehr den Nachweis zu liefern,' daß die ganze Kulturvergangenheit des Judentums den Juden zu einem brauchbaren Mitglied jener Gemeinschaft erzogen hätte, die für den jeweiligen Verfasser des Versuches gerade mustergültig war. Der eine wollte zeigen, daß der Jude seiner ganzen Vergangenheit nach ein treffliches Mitglied einer demokratisch-bürgerlichen, der andere wiederum, daß der Jude dieser selben Vergangenheit nach ein ebenso treffliches Mitglied einer sozialistischen Gesellschaft sein müßte. Weder dem einen noch dem andern fiel es ein, den Juden als solchen, als Glied einer selbständigen Nationalität zu behandeln. Die Versuche arteten bald in eine ebenso abgeschmackte wie schmachvolle Apologetik aus. Die Apologetiker glaubten so wenig an ihre eigene Würde und ihr gutes Recht, einfach als Menschen gewisse Rechte für sich zu beanspruchen, daß sie es nötig fanden, sich auf die Verdienste ihrer Vorfahren um die Menschheit zu berufen. Nunmehr hatte die ganze Forschung des Judentums in den westeuropäischen Ländern nur die einzige Aufgabe, das Totsein des Judentums nachzuweisen und festzustellen. Wenn die Archäologen und Altertumsforscher anderer Völker ein Interesse daran hatten, möglichst viel auszugraben, so war das Interesse der jüdischen Altertumsforscher im westlichen Europa darauf gerichtet möglichst viel zu begraben. Die jüdischen Forscher des Judentums in den westeuropäischen Ländern wurden zu dessen Totengräbern. Ganz anders lagen die Dinge in den osteuropäischen Ländern und ganz besonders in Rußland. Dort pulsierte noch ein nationales Leben, und daher