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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 615

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Modernes Judentum
Date
1921-01-01
Page
615 (sequence 15)
Language
German
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 615 eines allgemeinen Kulturrahmens. Der. Einzelne hat eine gewisse kulturelle Forderung zu erfüllen und muß vor gewissen kulturellen Instanzen Rechenschaft ablegen. Materielle Interessen allein sind in den Augen des Judentums nicht entscheidend; auf bloße Instinkte baut es nicht, und es erwartet von ihnen kein Heil. Dieser Begriff der Demokratie wird bereits im Prophetismus angedeutet und im Pharisäismus akzentuiert. Daher artete die Demokratie in den jüdischen Gemeinschaften seit der endgültigen Festlegung des Pharisäertums bis zum Zerfall des Judentums * mit der Epoche der Emanzipation fast niemals in Demagogie aus, während jede konsequente Interessen-Demokratie, den immanenten Gesetzen ihrer Entwicklung überlassen, früher oder später in Demagogie ausmünden muß. Zuletzt — ein genau umrissenes Verhältnis zur Welt und zum Leben, die alltägliche Lebenspraxis durchdringend und sie regulierend. Ein derartiges Verhältnis wird für gewöhnlich Religion genannt. Religionen waren und sind bekanntlich allenthalten auf dem ganzen Erdball verbreitet. Allein das Eigentümliche und, man kann sagen, Einzigartige des Judentums bestand darin, daß es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit und im Gegensatz zu allen anderen Völkern der alten und neuen Zeit in vollem Ernst den Versuch machte, ein rein metaphysisches Verhältnis, wie die Religion eines ist und in alle Ewigkeit wohl bleiben wird, zu einer Angelegenheit der täglichen Lebenspraxis und des täglichen Verkehrs zu machen. Diesen Versuch hat es im ganzen Verlauf seiner nach Jahrtausenden zählenden Geschichte bis ungefähr auf das letzte Jahrhundert mit fast übermenschlicher Zähigkeit durchgeführt Nicht um den Inhalt der jüdischen oder irgend einer anderen Religion handelt es sich hier, sondern um das Prinzip, die Einsicht, daß der ganze Wert eines derartigen metaphysischen Verhältnisses in dessen Verwobenheit mit der Lebenspraxis des Alltags und nicht in etwas anderem liegen kann. Diese Einsicht ist einzig dem Judentum eigentümlich, denn die anderen Religionen lassen sie vermissen. Dies die Gesichtspunkte und Richtlinien, die dem Judentum zu entlehnen sind, und die befruchtend für jede zukünftige Kultur werden können. Hier wurden sie nur flüchtig von uns berührt. In einem anderen Zusammenhang sollen sie eine ausführlichere Behandlung erfahren. SAMUEL RAPPAPORT /AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN VI. Krankheit 3, Bräuche gegen Krankheit E. Gräber- und Schulstürmen. Zu den sehr populären, im Osten bei schweren Krankheitsfällen allgemein geübten Bräuchen gehören das sog. „Kwurim (Plural vom hebr. Keber- Grab) reißen" und das „Schuleinreißen" d. h. Gräber und Schul- (Synagoge-) stürmen.

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