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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 612

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Modernes Judentum
Date
1921-01-01
Page
612 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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6l2 Rafael Seligmann: Die Geschichte des jüdischen Volkes weiß von vielen verheerenden Katastrophen zu erzählen. Man denke bloß an die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 und an die Abschlachtungen und Verwüstungen von Chmelnicki im Jahre 1642. Aber diese und ähnliche Katastrophen waren mehr physischer und materieller als geistiger und moralischer Natur. Für sie alle ist es charakteristisch, daß das Judentum aus ihnen innerlich geeinter und gefestigter hervorging. Die Folgen in geistiger Beziehung zeigten sich vielleicht in einem Überhandnehmen von mystischen Strömungen und nichts weiter. Die Katastrophen brachen über das Judentum in einer Zeit herein, als dessen nationale Grundpfeiler noch in ihrer unerschütterlichen Festigkeit dastanden. Jetzt aber wurde das Judentum in einem Moment getroffen, wo seine nationalen Grundlagen bereits im Wanken begriffen waren. Es ist von uns bereits auf die fatalen Folgen all der vorhin aufgezählten Ereignisse hingewiesen worden. Zur Vervollständigung des Bildes möchten wir noch hinzufügen: die Psyche des Volkes wurde pervers — pervers vor allem im nationalen Sinn. Das drückte sich in einer pöbelhaften Begeiferung seiner jahrtausendelangen Kultur samt deren Sprache aus und nannte sich Jiddischismus. Dieser knüpfte an das Jiddisch an, nicht etwa weil er eine innige Beziehung zu diesem hatte, sondern weil er an keine ändere Sprache anknüpfen konnte. Russisch und Hebräisch waren ja die Sprachen der Gebildeten und der Jiddischismus behauptete von sich, volkstümlich sein zu wollen. Aber alles kulturell Wertvolle an diesem Volkstümlichen blieb ihm genau so fremd, wie alles kulturell Wertvolle überhaupt. Mit den jiddischen Klassikern Mendele und Perez hatte er ebenso wenig Gemeinsames, wie etwa mutatis mutandis mit den hebräischen Klassikern der sephardischen Epoche, mit Salomo ibn Gabirol und Jehuda Halewi. Das Jiddisch, von dem er Gebrauch macht, ist herzlich schlecht, färb-, klang- und kraftlos. Die Schicksale des Jiddischismus hängen aufs engste mit den kulturellen Schicksalen der gesamten europäischen Welt zusammen. Wenn es wahr ist, daß Europa am Ende seines Lateins und vor einem endgültigen kulturellen Zusammenbruch, also vor einer endgültigen Verpöbelung steht, dann wird sich auch der Jiddischismus behaupten können. Andernfalls wird er unbemerkt und geräuschlos in sich zusammenfallen. 1* Wenden wir uns nun jenem Rest des Judentums zu, dem die geschichtliche Kontinuität und die Fühlungnahme mit der kulturellen Vergangenheit Vorbedigung und Voraussetzung jedes weiteren kulturellen Lebens ist. Vor diesem Rest stand die folgende Aufgabe: Wie verwertet man den kulturellen Gehalt des bisherigen, auf gewissen religiösen Dogmen beruhenden nationalen Judentums für eine weitere dogmenfreie Kulturentwicklung des jüdischen Volkes? Die im bisherigen Judentum schlummernden Kulturschätze müßten erst gehoben und entsprechend verarbeitet werden, denn in der Form, in der sie uns gegeben waren, waren sie für eine frei schaffende geistige Entwicklung mit unerheblichen Ausnahmen fast völlig unbrauchbar.

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